Sonntag, 26. August 2012

On a Plane

Ich realisiere Abschiede immer erst sehr spät. Selbst jetzt im Flugzeug fühlt es sich wie Urlaub an. Ich habe anscheinend noch nicht begriffen, dass ich mal wieder für fast ein Jahr in die Vereinigten Staaten gehe. Wie heißt es so schön, verstehen heißt noch lange nicht begreifen. Lange habe ich den Sinn dahinter nicht verstanden. Der Abschied ging diesmal so schnell vorbei. Donnerstagabend nochmal gekocht, Freitag gepackt und mit der Familie Essen gegangen und jetzt sitzt ich hier auf Platz 16F  auf dem Weg nach Boston.  Nur kurz eingestiegen und schon ist man in wenigen Minuten hunderte Kilometer von der Heimat weg.

Gerade ist auch der erste Film vorbei. Höchste Zeit mal wieder ein paar Zeile in die Welt zu senden. Ich habe beschlossen, wieder regelmäßig zu bloggen. Meine alten Blog gibt es noch und frei nach den Worten von Jan Delays gilt auch diesmal: Und wenn mein Blog nur eine Leser hat, grüße ich halt meine Mutter. Ich bin gerade ein bisschen in den alten Einträge gestöbert. Die Wörter dort fühlen sich seltsam leer an. Habe ich das wirklich so empfunden? Wenn ich jetzt die ersten Einträge lese, frage ich mich fast, welche Person das damals geschrieben hat. Trotzdem erkenne ich mich in vielen Zeilen wieder. Ich finde meine eigene Ignoranz, meine Unsicherheit und den Trotz. Die mit zu viel Pathos geschmückten Wörtern und mit Hoffnung geschwängerten Sätze. Außerdem hatte der Autor anscheinend sehr wenig Ahnung von Kommaregeln und den richtigen Zeitpunkt einen Satz zu beenden. Wahrscheinlich sage ich das mit Abstand auch über diesen Eintrag. Die deutsche Kommaregel habe ich bis heute nicht richtig verstanden. Vielleicht bin ich aber einfach ein Anderer geworden. Diesmal habe ich mehr Angst, Dinge zu verlieren. Bei meinem ersten Flug hatte ich das noch nicht richtig begriffen. Irgendwie war ich mir sicher, dass sich nichts verändert und alles nur ein großes Abenteuer ist. Diesmal hoffe ich nur, dass mein Opa noch lebt, wenn ich wieder komme. Das ist wohl der große Unterschied.

Mir ist gerade unglaublich warm. Wegen der Gepäckbegrenzung musste ich meine dicken Winterstiefel, meinen Schlafsack und  meine Winterjacke mit in das Flugzeug nehmen. Oben im Gepäckfach war dafür kein Platz mehr und deshalb sitze ich jetzt eingekeilt in meinem Sitz am Fenster. Nach links kann ich mich auch nicht ausbreiten; das Mittagessen wird sehr interessant werden. Wenigstens habe ich ein Handy zur Beschäftigung. Ich bekomme ja immer die ausgedienten Modelle meiner Verwandtschaft und für Amerika habe ich das IPhone von meiner Mutter bekommen. Eine kleine Hinweis für Wettinteressierte: Meine Schwester nimmt Wetten für das Schicksal des IPhones entgegen. So weit ich weiß, stehen die Quote gerade ziemlich gut. 2:1 dafür, dass ich es verliere. 3:1 dafür, dass ich es noch in diesem Kalenderjahr verliere. 10:1, dass ich es verliere, mir aber ein Neues kaufe, um den öffentlichen Spott zu entgehen. 15:1, dass ich zusätzlich meine Jacke verlieren und für all Wagemutigen; 20:1 dafür, dass ich es heile wieder zurückbringe. Vor dem Flug habe ich mir Instagram runtergeladen. Ich verstehe zwar bis heute nicht, wie Facebook dafür eine Milliarde Dollar ausgeben konnte, aber die Idee selber ist genial. Unsere Geschäftsideen wie Meister Mate sind ja leider immer schon im Ansatz gescheitert oder wurden von der Eule geklaut. Jetzt kommt das Mittagessen auch endlich zu den hinteren Reihen. Es gibt Tortellini mit Pilzen. Lecker.

Meine Sitznachbarin ist auf mir eingeschlafen. Sie hat sich einfach nach dem Mittagessen kurz gestreckt und schon lag sie auf meinem Arm. Zum Glück ist sie noch klein und hat eine echt coole Leuchtuhr. So eine wollte ich als Kind auch immer haben. Ich kann mich nur kaum bewegen. Höchste Zeit also ein bisschen Musik zu hören und für einen kleinen Tribut für High Fidelity; Top 5 Songs to Play on a Plane:
  1. Sky Blue Sky - Wilco
  2. That Sea, the Gambler -  Gregory Alan Isakov
  3. Plane - Jason Mraz
  4. Alles Was Ich Brauch - Muff Potter
  5. On a Plane - Nirvana
Inzwischen habe ich meine Hände soweit befreit, dass ich wieder lesen kann. Sommerlügen von Berhard Schlink. In der Schule mochte ich den "Vorleser" überhaupt nicht, aber diese Kurzgeschichtensamlung ist toll. Ich hab das Buch zufällig kurz vor der Abreise in Hände bekommen und wurde sofort vom Ende des ersten Kapitels gefangen.
Als er nach einer Viertelstunde noch immer keine Zeile gelesen und keinen Schluck getrunken hatte, dachte er; Ich habe das Alleinsein verlernt. Er mochte den Gedanken. 
In dem Buch gibt es eine Geschichte über einen Philospheprofessor, der sein ganzes Leben versucht, die perfekten Bedingungen für das Glück zu schaffen. Frau, Haus, Job, Garten, Baum, Kinder, und Enkelkinder. Trotzdem schafft er es nicht. Könnte man bestimmt Stunden drüber nachdenken, geht aber gerade nicht. Ich muss auf Toilette. Das Kind liegt aber immer noch auf meinem Arm. Deswegen wird jetzt auf Angriffstaktik umgeschaltet. Langsam wird die Musik aufgedreht. Erster Versuch: Tracy Chapman.  Kind reagiert nicht. Zweiter Versuch: Eminem.  Kind wacht langsam, jetzt noch Arm langsam hervorziehen. Geschafft, Sieg auf ganzer Ebene. Jetzt Toilette. Scheiße. riesige Kloschlange.

I'm on a plane. I can't complain.

2 Kommentare:

  1. Schön, ich freu mich schon drauf, hier von Zeit zu Zeit reinzulesen. Aber eine Frage, vielleicht hab ich die Antwort hier auch nur überlesen: Was machst Du denn schon wieder für ein Jahr da drüben? ;).

    Schöne Grüße!

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  2. 15:1 dass Du es verschenkst

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