Freitag, 17. September 2010

New York oder wie Starbucks lieben lernte.

Letzten Donnerstag ging es mir wahnsinnig schlecht. Und nein, es war nicht der Muskelkater. Und nein, es war auch nicht das Sushi, weswegen Xavier den ganzen Tag über den Kloschüssel hing. Ich hatte schlicht und einfach Heimweh. Heimweh, so ein kleines Wort. Aber was bedeutet es? Die  Sehnsucht nach seiner Familie, nach seinen Freunden, nach Deutschland?  Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht. Es ist auf jeden Fall ein richtig beschissenes Gefühl. Und eigentlich ist das ja Beschreibung genug. Das Schlimmste daran ist aber, dass man im Grunde nicht damit rechnet es selber zu bekommen. Vielleicht die Anderen, aber nicht ich. Ich bin doch so ein unglaublich weltoffener Typ. Ich komme überall zurecht. Ausland? Pfffff. Scheiß drauf. 
Die Menschen sind überall gleich. Mach nicht so'n Aufstand, Mann! Was hat sich schon groß verändert? Plötzlich ist sie aber da. Die Leere. Du hängst in deinem Zimmer, liest „Alice in Wonderland“ und Peng. Wofür machst du das eigentlich? Du bist hier, aber wo ist dein Herz? Alle sind in Spanien und du hängst hier alleine, an einem Donnerstagabend in einer verdammten Kleinstadt rum. Warum? Du könntest jetzt mit Leo in irgendeiner spanischen Bar rumhängen und Sangria trinken. (Wie wir das bei Interrail natürlich die ganze Zeit gemacht haben.) Du könntest mit Tony versuchen, mit eurer wahrhaft großartigen Bauarbeiterimitation Frauen aufzureißen. Du könntest mit Vero versuchen, ein Deutschland weites Verbot für Cola Dosen durchzusetzen.  Du könntest mal wieder was mit deiner Ma machen, oder mit deinem Pa. Du könntest, du könntest. War kurz davor, mir nochmal das Abschiedsvideo anzuschauen und einfach loszuheulen. Natürlich nur metaphorisch. Männer weinen nicht. Ruben. Nochmal tausend Dank dafür. Ich habe gerade vergessen, dir das über Skype zu sagen. Gute Dinge vergisst man einfach viel zu schnell. Meine Ma hat sich das Video bestimmt schon tausend Mal angeschaut. 
Ich glaube, dass ich dafür noch nicht ganz bereit bin. Wie dem auch sei. Hab auf jeden Fall schon fleißig Werbung für dich beim „Kaffeeklatsch“ gemacht. Vielleicht hast du ja auch bald deinen ersten Auftritt im amerikanischen Radio. Also an alle Leute, die Ruben Grimm noch nicht kennen. Geht auf seine Homepage www.ruben-grimm.de, zieht euch seine Mucke rein und spendet ein wenig. Der Kerl ist einfach wahnsinnig talentiert. Leider nur etwas faul. Ist auch für einen guten Zweck. Damit finanziert er nämlich unsere Reise durch Amerika nächstes Jahr. Komischerweise bin ich aber echt froh, dass es mir letzten Donnerstag so schlecht ging. Eigentlich heißt es nämlich nur, dass  ich  am Leben bin.  Und das ist ein wahrhaft großartiges Gefühl. Im Moment sitze ich ausnahmsweise nicht auf unser Veranda, sondern im Wohnzimmer. Es regnet nämlich. Ich trinke gerade einen ziemlich schlechten Wein. Er kommt aus Amerika, hat über 17 % Alkohol und hört auf den verführerischen Namen Thunderbird. Wenn meine Rechtschreibung also am Schluss schlechter wird, liegt es nicht am mir, sondern am Thunderbird. Aber keine Sorge. Noch bin ich kein Alkoholiker.  Das Ganze ist nämlich Teil eines Projektes. Brett, ein Kollege aus dem deutschen Departement, versucht nämlich, Xavier und mich zu amerikanisieren. Und da gehört der Thunderbird natürlich dazu. Der Plan für nächste Woche steht auch schon. Dann gehen wir nämlich zu einem Footballspiel. Mir fällt aber gerade eine Sache auf. Eigentlich sollte dieser Eintrag ja über New York handeln. Wenigstens hat es der Titel so versprochen. Kommen wir also zum Thema. Dem Big Apple. Was gibt es darüber zu sagen, was nicht schon in tausend Reiseführern oder Berichten zu lesen war? Vielleicht eines. New York hat mich gerettet. Nicht vor irgendwelchen Gefahren, sondern vor mir selbst. Meinem Heimweh.  Es war nämlich so. Am Freitagmorgen ging es mir noch richtig beschissen. Traurig war ich zwar nicht mehr, aber trotzdem immer noch irgendwie leer. Doch dann, mit zwei Wörtern war jeder Zweifel verflogen. New York. Die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Stadt, die niemals schläft. Die Stadt mit Loch, wie Tomte so treffend sang.  Fangen wir aber chronologisch an. Von Gettysburg sind es mit dem Auto 4 Stunden nach New York. Das ist nicht weiter Schlimm. Ich hatte nämlich das Glück zusammen mit Miya  zu fahren. Erstens, weil ich selber kein Auto habe und zweitens, weil man sich mit ihr einfach  ziemlich gut unterhalten kann  Außerdem war es so umsonst. Miya arbeitet im Department of Education und forscht hauptsächlich über  Sex. Im Prinzip, haben wir uns also 4 Stunden nur über Sex unterhalten.  Großartig. Ich weiß auch gar nicht mehr warum. Wahrscheinlich habe ich ihr über meinen nächsten Film in der German Movie Night, Wolke 9 erzählt und dann haben wir den Faden einfach weiter gesponnen. Ist übrigens ein wirklich schöner Film über Liebe und Sex im Alter.  Inzwischen habe ich den Film auch schon gezeigt und die Reaktionen waren echt genial. Trotz vorheriger Warnung, haben nämlich 15 Wagemutige den Weg zur German Movie Night gefunden. 
Ist auch echt kein einfacher Film. Allein, weil man im ersten Drittel des Film fast im Minutentakt entblößte alte Körper sieht. Wenn man das aber überwindet, ist der Film eine ans Herz gehende Liebesgeschichte. Vier Studenten fanden das auch, der Rest fand es einfach nur eklig. Keinohrhasen kam übrigens wesentlich besser an. Der Abend in New York lief dann relativ unspektakulär ab. Miya wohnt in Manhattan, allerdings relativ weit oben, im spanischen Viertel. Dort waren dann auch essen und später auch in ein paar Bars. Glücklicherweise hat sie mir nach ein paar Cocktails erlaubt, bei ihr zu schlafen. Pech für euch. Ich muss also nicht mein Glück in irgendeiner Bar suchen. 
Am Samstag, den 9. Jahrestag der Anschläge von 11. September, war ich dann auf der Demonstration für mehr Toleranz in Downtown. Nach den heftigen Kontroversen um den Bau eines islamischen Zentrums in der Nähe von Grand Zero, gab es am Samstag nämlich drei Demonstration. Einer gegen den Bau des Zentrums, eine dafür und eine, die im Prinzip nichts damit zu tun hat. Die Verschwörungsfanatiker waren nämlich auch vor Ort. Das kam mir persönlich aber recht gelegen. Wegen der geringen Vorbereitungszeit, hatte ich nämlich nur ein Shirt dabei.  Der Rest war noch in der Wäsche. Dank den Verschwörungsfanatikern  habe ich aber nun in schwarzes Shirt mit der einfachen Botschaft "Investigate 9/11".  Wirklich Werbung gemacht habe ich aber nicht, das war mir  ein bisschen zu gefährlich. Deshalb hatte ich immer meine Jacke drüber.   Die Demonstrationen selber, liefen zum Glück aber friedlich ab. War echt toll dabei gewesen zu sein! Nicht nur wegen der Botschaft für mehr Toleranz, sondern wegen den Menschen, die man dort getroffen hat. Außerdem gab es später Pizza. Ich hab sogar zwei Interviews gegeben. Eins fürs Fernsehen und eins für Radio. Alle waren ganz fasziniert, dass ich als Deutscher bei meinem ersten New York Besuch bei einer Demo bin, anstatt die Freiheitsstatue zu besichtigen. 
Ich selber habe das  aber eher als Stadtführung mit Verköstigung gesehen. Ich hoffe nur, dass sie mein Englisch verstanden haben. Am Samstagabend war ich dann mit einer Freundin aus Irland in diversen irischen Kneipen. Was ein Abend! Iren sind einfach das coolste Volk der Welt. Sie betrinken sich nämlich nicht nur, sondern machen dabei auch noch Musik. Ich durfte auch mitmachen. Leider aber nur kurz. Dank meines unglaublichen musikalischen Talents, war ich die Trommel nämlich schnell wieder los. Trotzdem war es ein legendärer Abend. Siobhán Ní Mhaolagáinist ist nämlich Irin seit 16 Generationen. Oder fast 16 Generation. Irgendwo soll angeblich auch ein Französin dazwischen gewesen sein. Nichtsdestotrotz heißt das:  Sie trinkt mich locker unter den Tisch. Sie ist auch mit Fulbrigth in Amerika und unterrichtet Irisch an der NYU.  Komischerweise hat sie panische Angst vor Kullideckeln. Könnte ja sein, das jemand sie nicht richtig montiert hat. Und Ja Bob, in Irland spricht man tatsächlich auch irisch.
Ein bisschen mehr Vorbereitung brauchst du schon für deinen Irlandtrip mit Vero. Ich kann mir schon fast bildlich vorstellen, was dein Vater zu deiner Unwissenheit gesagt hätte. "Oh, mein Gott!" Am Sonntagnachmittag hab ich dann das typische Touristenprogramm hinter mich gebracht. Broadway, Subway, Times Square, Empire States Building, Starbuck, Central Park. Versteht mich nicht falsch, das ist alles schon sehr beeindruckend. Trotzdem denke ich, dass ich vom Samstag mehr mitgenommen habe. Bei einer Sache, bin ich mir aber ganz sicher. Ich liebe Starbucks. Eigentlich mag ich zwar kein Kaffee und die heiße Schokolade ist ziemlich teurer, aber trotzdem ist das Konzept von Starbucks nur genial. Ja Leo, ich hab extra für dich eine große Schokolade bestellt und ganz genüsslich getrunken. Wenn du also gerade diesen Text liest, stell dir also vor, wie ich ganz langsam eine riesigen Becher wunderbar warmer und cremiger Schokolade trinke.
Kommen wir aber jetzt zu den Gründen, warum Starbucks so großartig ist.  1.Starbucks gibt es  überall. 2. Das Internet ist gratis. 3 Man kann so lange sitzen bleiben wie man will. Wirklich großartig. Es reicht eine Banane für einen Dollar zu kaufen. Man muss sie nur relativ langsam essen. War damit über eine Stunde beschäftigt und keiner hat was gesagt. Hab so meinen Highscore bei Tetris gebrochen. Er steht jetzt bei 134.240. Ich weiß, es hört sich ziemlich dämlich an,  nach New York zu fahren, um im Starbucks zu sitzen und Tetris zu spielen. Es ist aber einfach ziemlich anstrengend mit einem Kater den ganzen Tag durch New York laufen. Da tut eine Pause ziemlich gut.
Außerdem habe ich noch eine reales Leben und spiele nicht den ganzen Tag WoW. Und überhaupt. Untenrum.  4. Wenn man  einer Stadt lebt, braucht man kein Handy. Man kann einfach alles online regeln. Das ist wirklich hilfreich, gerade wenn man immer noch kein neues Handy hat.  Ich würde also Jans Aussage relativieren. Man kann ohne Handy leben, man braucht nur einen Laptop. Ein Nachteil hat Starbuck aber. Das Internet  ist wirklich Arschlahm. Glücklicherweise kann man ja so lange bleiben wie man will.  Jetzt aber genug von Starbucks und auch von  New York. Am  Sonntagabend, bin ich nämlich mit Martin zurück nach Gettysburg gefahren. Martin ist mein direkter Vorgesetzter im deutschen Departement. Ein ziemlicher cooler Kerl und zusammen mit mir Teil der gefürchteten deutsche Achse des Fußballteams. Leider ist er aber Köln-Fan. Inzwischen habe ich mich auch richtig gut in Gettysburg eingelebt. Das Unterrichten macht unglaublich viel Spaß, die Leute sind super nett und die Studenten mögen mich gern. In meinen Stunden kann ich im Prinzip machen, was ich will und ich nutze das auch voll aus. Wenigtens meistens.
Es ist nämlich fast  immer jemand da, um mir Feedback zu geben. In Amerika sind die Klassentüren nämlich immer offen und das hilft echt weiter! Die einzige Sache, die wirklich nervt, ist, dass meine Pakete aus Deutschland immer noch nicht angekommen sind. Hab nämlich ein paar Sachen vergessen, unter anderem die Dose für meine Kontaktlinsen. Deshalb spiele ich fast blind Fußball. Intelligent wie ich bin, habe ich auch schon versucht die Linsen so rein zu tun. Wie ihr euch bestimmt denken könnt, war das einfach nur krass schmerzvoll. Wahrscheinlich waren die Schmerzen ungefähr vergleichbar mit denen von Brockmann nach der After Sun Lotion. Im Gegensatz zu den Paketen, ist die Karte von Vero, Lizzy und Andrea aber schon angekommen. Hat mich echt gefreut, gleichzeitig auch zum nachdenken gebracht. Denn anders als die anderen Sachen, war die Karte nämlich nicht an mein Büro, sondern an meine Hausadresse adressiert. Vielleicht klappt das ja besser. Hier ist also meine Hausadresse:



63 Lincoln Avenue
Gettysburg
17325 Pennsylvania
USA

Achja, eins noch. Ich werde den Blog weiter "However far away" nennen.  Es kamen einfach keine Vorschläge von eurer Seite.  Damit ist nicht nur die Umfrage, sondern wohl auch der ganze interaktive Ansatz gestorben. Außerdem habt ihr eine großartige Möglichkeit verpasst, euch  unsterblich zu machen. Oder auch nicht. Ich merke auf jeden Fall, dass ich langsam nur noch Quatsch schreibe. Deswegen höre ich besser auf. Inzwischen ist es nämlich schon fast 3 Uhr in Gettysburg und ich muss langsam ins Bett. Bin es echt nicht mehr gewöhnt, in der Woche spät ins Bett zu gehen.Wie denn auch? Ohne Leo und Pepsi? Die Bilder von New York stell ich auch bald online. Ich muss euch aber warnen. Es sind wieder viele Landschaftbilder geworden. Zwar nicht so viele wie in Granade, aber trotzdem.
Am Schluss, noch ein Wort zu Heimweh. Trotz allem spüre ich die Leere immer noch. Es ist einfach traurig, zu sehen, wie alles langsam zerfließt und auseinander driftet. Aber c'est la vie.  Ich versuche aber weiter mein Bestes. Mit neuem Eindrücken, neuen Leute, neuer Liebe, kurz mit einem neuem Leben. Jetzt muss ich auch schnell schlafen, morgen geht es nach Boston. Um es mit den Worten von Bob zu sagen. Das Feuer ist noch nicht erloschen. Warum und besonders wann er diesen Zitat benutzt, müsst ihr ihn aber selber fragen. In diesem Sinne, beste Grüße Tobi

2 Kommentare:

  1. Hej... Bruderherz, dein Steckbrief ist ja schön und gut, aber wir Beide sind in Münster direkt mit Blick auf den Aasee geboren... Nicht damit du weiterhin direkt am Anfang deines Lebens eine große Wissenslücke hast! Anna

    AntwortenLöschen
  2. Moinsens,
    sehr schöner Beitrag. Ich komme gerade auch von einem mehr Tägigen treffen mit guten Kumpels und kann dein Heimweh echt nur Voll und Ganz verstehen. Der Abschied ist immer das härteste.
    Ich finds auch toll das du gleich demonstrieren warst, immer weiter so :D
    Auf welchen Sendern kann man dich den dann hören oder sehen?
    mfg Jens

    AntwortenLöschen