Mittwoch, 20. Oktober 2010

Verflucht oder das Wunder von New Orleans

Ich sitze gerade im Ragged Edge, höre Musik und korrigieren Drehbücher von meinen Studenten.

Definition: Ragged Edge, das. (Deutsch: Die zerlumpte Ecke.) Das Ragged Edge ist ein Cafe mitten im Herzen von Gettysburg. Es besteht aus einem Haupthaus und einem herrlich überwucherten Garten. Das Haupthaus ist eines der wenigen Steingebäude in Gettysburg. Das Cafe erstreckt sich über zwei Etagen plus Veranda. Unten ist der Verkaufsbereich und oben ist die Bühne. Die Stühle und Tische sind bunt durcheinander gewürfelt und wild über das ganze Cafe verteilt. An den Wänden hängen Bilder von Künstlern aus der Gegend und es riecht immer nach frisch gebrühten Kaffee.  Der Garten ist  ziemlich groß, wild und verwuchert,  Überall ranken sich Pflanzen hoch und versuchen das Cafe in den Hintergrund zu drängen. Es gibt eine Schaukel und die Möbel sind alle ein wenig verrostet. Wenn man ein wenig im Garten herum wandert, findet man immer wieder geheime Winkel und Plätze. Außerdem besteht stets die Gefahr von Ameisen gebissen zu werden. Es gibt überall Wifi und für 2 Dollar kann man den ganzen Tag Kaffee trinken. 

Mit anderen Worten, Lizzy würde den Laden lieben.  Inzwischen ist das Ragged Edge mein zweites Wohnzimmer geworden. Ich komme eigentlich immer hier hin, wenn ich die grauen Wände meines Büros nicht mehr ertragen kann. Oder wenn ich keine Lust mehr auf das vegetarische Essen im Dining Center haben. Jeden Tag Pasta ist einfach nicht das Wahre und hier gibt es den besten Cesars Salad der Stadt.  Im Moment sitze ich an einem Tisch neben der Bühne und lausche einer Panflöte. Ehrlich gesagt, schaue ich nebenbei auch ein wenig Champions League. Bayern gegen Cluj. Das Topspiel am Dienstag.  Mir ist das gerade auch ein wenig peinlich. Nathan hat mich nämlich gefragt, ob er mich beim Fußball schauen stören würde. Ich habe ihn aber versichert, dass das Spiel durch seine Musik erheblich aufgebessert wird.  Danach sind wir auch ein bisschen ins Gespräch gekommen. Scheint ein richtig netter Kerl zu sein. Er ist Student am Community College in Gettysburg, hängt aber die meiste Zeit im Ragged Edge rum und spielt Gitarre und Panflöte. Er wollte auch einiges über Deutschland wissen. Nur seine erste Frage konnte ich ihm irgendwie nicht beantworten. Dabei war sie ganz einfach. 
How's life in Germany? Aber was soll man da schon groß sagen? Schließlich habe ich ihm ganz diplomatisch geantwortet: It's different. Eine These, die  Merkel und Seehofer sofort unterschreiben würden. Deutschland ist ja seit kurzem kein Einwandererland mehr. Wie schnell das heute geht. Mit der Antwort war Nathan dann auch zufrieden. Zum Glück. Irgendwie bin ich aber an der Frage hängen geblieben. So dumm war meine Antwort gar nicht.  In manchen Aspekten ist das Leben tatsächlich ganz anders als in Deutschland. Besonders wie man Entfernung und Geschwindigkeit wahrnimmt. Hier ist es ganz normal, zwei Stunden zur nächsten Mall zu fahren, einzukaufen und dann wieder zurück zu fahren.  Es ist ganz normal, für ein Wochenende einfach mal in den Süden oder zur Westcoast zu fliegen und einen Scheiß auf die Umwelt zu geben. Wenigstens in dieser Hinsicht habe ich mich aber schon ganz gut akklimatisiert. Letztes Wochenende bin ich nämlich einfach mal 1000 Meilen tief in den Süden geflogen und habe mit ein paar Freunden New Orleans besucht. 
War auch ein großartiges Wochenende voll Musik, Alkohol und natürlich dem Wunder von New Orleans. In einer Bar gab es nämlich tatsächlich Pinkus Hefeweizen aus Münster. An den Geschmack kann ich mich nicht wirklich erinnern, ein Hauch von Heimat war aber auf jeden Fall dabei. Das war mir dann natürlich auch die 12 Dollar wert.  So viel zu New Orleans. Schaut auch einfach die Bilder an. Der Link dafür ist http://picasaweb.google.com/NOLA. Ach ja, ich bin übrigens verflucht. Ich habe nämlich einen Dollar von dem Grab einer Voodoo Queen gestohlen. Zu meiner Verteidigung muss ich allerdings sagen, dass anscheinend jeder Tourist ihr Grab mit Müll entweiht und ich dringend Geld für den Bus brauchte. Gegen mich spricht jedoch, dass wir vorher schon in den Friedhof eingebrochen sind,   Außerdem ist ein schwarzer Kater am Grab erschienen. Ich habe inzwischen auch ein schwarzes Mal auf dem Oberarm. Aber  Ladida. Jan, ist dir übrigens aufgefallen, dass ich wirklich mein Bestes geben, um Ladida in den Duden zu bringen? Ist bestimmt schon das dritte Mal oder so, dass ich das hier erwähne. Aber ich schweife ab. Das Wichtigste, was ich aus New Orleans mitgenommen haben, ist nämlich etwas komplett anderes. Ich habe endlich „Eating Animals“ von Johan Safran Foer zu Ende gelesen. Ein echt gutes und wichtiges Buch. Danach habe ich eine Sache für mich beschlossen.  Als Vegetarier hat man auch eine Verpflichtung. 
Ob man will oder nicht. Man muss auch anderen Leute davon überzeugen. Warum  ich das Recht dazu habe? Ganz einfach. Es ist das Richtige.  Deshalb also die nächsten Zeilen über dieses Thema. Mir ist bewusst, dass ich mich mit der bisherigen Argumentation auf sehr dünnes Eis begeben. Hitler was ja auch ein Vegetarier.  Deshalb gilt natürlich wie immer. Leg den Blog zur Seite, wenn es dir nicht passt. Für mich steht trotzdem  eine Sache fest. Wenn man sich wirklich um Themen wie Tiere, Umwelt, Gesundheit und Armut kümmert, darf man kein Fleisch essen oder muss dazu bereit sein, viel mehr Geld dafür auszugeben. Das ist wahrscheinlich die wichtigste Entscheidung, die man als Individuum treffen kann. Auf Fleisch zu verzichten. Neben weniger zu reisen natürlich. Irgendwie ist das aber eine andere Sache. Wenigstens versuche ich mir das einzureden. Sozusagen als Ersatz versuche ich jetzt auf Tierprodukte zu verzichten. Oder wenigstens etwas weniger Käse zu essen. Klappt aber eher mittelmäßig. Habt ihr schon mal Pizza ohne Käse probiert. Schmeckt echt scheiße! Ich bin deshalb auch noch weiter in die Kriminalität abgerutscht und zum Dieb geworden. Ich stehle jetzt nämlich jeden Tag Cahshews aus dem Dining Center. Im Supermarkt sind die einfach viel zu teuer und irgendwas muss ich ja machen. Als Veganer soll man ja angeblich viele Nüsse essen. Vielleicht bekomme ich ja  Superkräfte. 
Scott Pilgrim vs. The World  ist aber trotzdem kein guter Film  Oder was ich inzwischen vermuten. Ich habe ihn nicht richtig verstanden. Wahrscheinlich habe ich als Kind einfach zu wenig Computer gespielt.  Nächsten Donnerstag moderiere ich mein drittes Schäferstündchen.  Diesmal mit Musik aus meiner Heimatstadt.   Das Line-Up kann sich auch echt sehen lassen. Sticky Floor, Ruben Grimm, Besser als Hörsturz, Blümel, Play and Rewind und The Pukes, um nur einige der Bekanntesten zu nennen.  Den Internetstream dafür findet ihr unter www.WZBT911.org. Der einzige Haken ist nur, dass die Sendung am Donnerstagabend um 11 Uhr Ortszeit läuft. Für alle, die aus irgendwelchen Gründen die Show nicht hören können, aber trotzdem in den Genuss meiner Stimme kommen wollen, gibt es noch eine andere Möglichkeit, mich mal wieder live zu hören. Mittwochs zwischen 8 und 11 Uhr im Coffeeshop bei Radio Q. Der Link dafür ist www.radioq.de. Ich bin nämlich jetzt Auslandskorrespondent von RadioQ.   Obwohl der Ausdruck Auslandskorrespondent natürlich leicht übertrieben ist. Aber was soll's? Ist ja zum Glück ein wunderbar dehnbares Wort.Ungefähr wie Freilandhaltung. Jetzt muss ich aber los. In 10 Minuten  beginnt nämlich meine German Movie Night. Diese Woche zeige ich „Das Leben der Anderen.“ Mal schauen, wie der Film so ankommt. Außerdem muss ich heute Abend weiter Drehbücher korrigieren.  Dank dieses Eintrages und Bayern München bin ich heute Nachmittag nicht wirklich weit damit gekommen. Ich beende den Eintrag also an dieser Stellen. Und nicht irgendwie, sondern mit der letzten Zeile aus „Eating Animals.“ If nothing matters, there's nothing to safe. Aloha, Tobi.
P.S: Ganz vergessen, ich hab gehört, dass Ansch Kleidung in Übergröße braucht. Was ist denn da los?

1 Kommentar:

  1. Grandioser beitrag! Ich muste nach meinem doch recht stressigen Tag öfters Lachen :D
    Die Fotos aus New Orleans sehen sehr gut aus, was ich noch cool fände, wäre eine übersicht über all deine Fotos. Das Ragged Edge hört sich sehr nett an, und dein Vegetarier tum find ich auch unterstützrnswert, aber das hast du dir ja vermutlich eh gedacht :P
    Wie schwer hat man es eigentlich als Vegetarier in den USA? Wenn man nicht gerade in einer Großstadt wohnt, stell ich mir das relativ umständlich vor.
    mfg

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