Sonntagabend. 8 Uhr. Ich sitze an meinem Laptop und versuchen mal wieder ein paar Zeile aufs Papier zu bringen. In der letzten Zeit ist es nämlich still um mich geworden. Zu still. Wenigstens für meinen Pa. Der hat sich beschwert, dass ich nicht mehr zu schreiben. Das hier ist also für dich. Pa. Leider kann ich heute aber nicht mit romantischen Bildern von meiner Veranda aufwarten. Es ist nämlich kalt geworden in Gettysburg.
Zu kalt, um abends draußen auf der Veranda zu sitzen und Wein zu trinken. Trotz meines neuen Schals, den meine Ma für mich gestrickt hat. Natürlich in Überlänge. Anstatt also in meinem Liegestuhl das letzte Aufbäumen eines langsam sterbendem Wochenendes zu lauschen, sitze ich eingepfercht in meinen grauen Würfel und lausche den Geräuschen eines langsam rotierendem Ventilators. Verzeiht also den etwas negativen Grundton. Immerhin kann ich hier in voller Lautstärken Musik hören. Und das ohne den blechernen Sound meines Laptops. Gerade läuft „Kräne“ von Gisbert zu Kryphausen. Was ein wunderschönes Lied! Oh, unergründliches Leben,was wissen wir denn schon von dir? Wir wurden geboren und wir sterben und danach weht der Wind wie immer. Was für Zeilen. Gerade wenn man selbst Nachts in seinem Büro sitzt und die gewaltigen Tieren betrachtet, deren metallenen Krallen mit leisem Gepolter über einen kreisen.
Ach ja, Ma. Das ist übrigens nicht mein neues Tattoo auf dem Foto. Wollt nur schauen, ob ich dich damit erschrecken kann. Hab nur mal mit Alba ausprobiert, wie der Spruch auf dem Oberarm aussehen würde und festgestellt. Er sieht Scheiße aus. Hatte erst sogar überlegt, mir ihn auf den Oberkörper zu tätowieren, aber Xavier hat ein sehr überzeugendes Argument dagegen. Cock-bloc. So wird’s also wahrscheinlich doch der Oberarm. Nur in veränderter Form. Dank deiner Überweisung, werde ich mir das Tattoo wahrscheinlich schon nächsten Dienstag stechen lassen. Danke dafür. Ohne dich hätte ich das nie so schnell geschafft. Komme wir aber zum eigentlichen Grund dieses Eintrags. Mir ist nämlich eine verhängnisvolle Fehlentwicklung aufgefallen. Bin gestern meine Nachrichteneingänge durchgegangen und habe festgestellt. Ich bekomme zu viel Post aus Deutschland. Zu viel? Richtig gehört, zu viel. Es ist nämlich so. Eigentlich war der Blog gerade als Schutzschild für diese unangenehme Situation gedacht. Man schreibt einfach alles auf, jede noch so kleine Belanglosigkeit. Man verfasst unglaublich lange und langweilige Einträge und zeigt den Leser so, dass man ihn wirklich vermisst. Wo liegt aber mein Fehler? Hab ich zu wenig Leuten zu dem Blog eingeladen? Liegt es am spärlichen Design? Warum schreiben mir plötzlich ehemalige Mitschüler, was ich in Amerika zu suchen haben.
Leute, von denen ich die Hälfte halb so gut kennen, wie ich sie gern kennen würde. Leute, von denen ich die Hälfte nicht halb so gern habe, wie sie es verdienen würden. Und Leute, die Herr der Ringen nicht halb so sehr würdigen, wie es die Bücher verdient hätten. Bin ich am Ende selber Schuld? Die Meisten schreiben nämlich einfach nur den typischen Dreizeiler. Hi, wie geht’s? Wie ist das Leben in Amerika? Gruß xxx. Wie beantwortet man aber diese Frage? Gerade dafür war doch der Blog gedacht. Um mich davor zu schützen, jedem einzelnem das Gleiche zu erzählen. Dann kam mir aber die Erleuchtung. Ich habe von New York berichten, von Boston, von meiner Veranda, über mein Heimweh, habe Leo beleidigt, aber vergessen die Basis zu legen. Was machen ich eigentlich in Amerika. Wie bin ich in der neuen Welt gestrandet? Deshalb also dieser Eintrag. Eine Geschichte von fast allem. Wem ich davon schon berichten habe, sei natürlich wieder herzlichst aufgefordert den Blog zur Seite zu legen und irgendetwas Sinnvolles zu machen. Natürlich immer mit der Gefahr, in den nächsten Zeilen wegen seines übermäßigen Pepsi-Konsums beleidigt zu werden. Meine bisherigen Einträge haben ein etwas verzerrtes Bild von meinem Leben in Gettysburg vermittelt. Deshalb muss ich zuerst ein paar Gerüchten entkräften. Entgegen einem weit verbreiteten Irrglaube, dass ich in Gettysburg nur eine Deutsch AG leiten, arbeite ich tatsächlich als Lehrer.
Zwar mit einer sehr überschaubaren Stundenanzahl, aber trotzdem. Obwohl die Deutsch AG natürlich Teil meiner Aufgabe ist, inklusive eines Kaffeeklatsches, des Tatorts und eines Stammtisches. Wirklich unterrichten tue ich vier bis sieben Stunden pro Woche. Hört sich nicht viel an, ist aber immerhin auf College Niveau. Also gar nicht so einfach. Besonders, weil die Studenten teilweise älter sind als ich und viele Deutsch nur belegen, um ihre Sprachverpflichtung zu erfüllen. Außerdem stellen sie wirklich gemeine Fragen. Wurdet ihr zufällig schon mal gefragt, wann man „gern“ und wann man „gerne“ benutzt? Trotzdem macht es aber echt viel Spaß hier zu unterrichten. Kleine Klassen, ziemlich gute Technik und das Wichtigste. Echt geniale Kollegen. Zwar alle mindestens 10 Jahre älter als ich und Fans vom falschen Verein, aber was soll's? Sie behandeln mich trotzdem wie einen gleichwertigen Kollegen. Ein echt gutes Gefühl. Außerdem erlauben sie mir zu machen und auszuprobieren, worauf immer ich gerade Lust habe. Natürlich nur, wenn es in der Lehrplan passt. Wenigstens mit ein wenig Biegen und Brechen. Sogar zu singen. Hättet echt meine Klasse sehen sollen, als alle gleichzeitig „Was machst du gern in deiner Freizeit“ gesungen haben. Buya. Gleichzeitig gehen natürlich auch viele Ideen gründlich in die Hose. Aber so ist ja häufig im Leben. Ladida. Hab sogar schon Groupies, die einfach zu jeder Veranstaltung kommen. Mein deutscher Akzent ist halt sexy. Wurde mir wenigstens versichert. Nebenher besuche ich auch noch zwei Kurse am College. Einstein in Wonderland und Civil Right in Amerika.
Machen beide tierisch viel Spaß, besonders wegen den Dozenten. Einer ist einfach mitten im Seminar aus dem Fenster geklettert, nur um einen Punkt zu demonstrieren. Da nimmt man schon einiges für seinen eigenen Unterricht mit. Insgesamt habe ich also ziemlich viel zu tun. Wobei viel natürlich Ansichtssache ist. Im Vergleich zum letzten Semester auf jeden Fall. Sechs Semesterwochenstunden sind auch nicht gerade schwer zu schlagen. Ach ja. Der Grund warum ich hier bin. Ich bin mit dem Pädagogischen Austauschdienst beziehungsweise Fulbright hier. Hab mich da einfach beworben und jetzt bin ich in Gettysburg. Das Gute daran ist. Was in Deutschland keinem interessiert, kommt hier erstaunlich gut bei Frauen an. Außerdem bedeutet es freie Kost und Logis und ein wenig Gehalt. Was ich mit dem Eintrag aber eigentlich sagen will. Die meiste Zeit lebe ich hier ein ganz normales, manchmal langweiliges Leben. Auf dem Campus. Als Lehrer mit meinem Studenten. Und das ist schon. Soviel anders ist das Leben aber auch nicht. Es tobt und faucht und es schreit und haut dir eine rein. Und du lachst und weinst und trinkst und kackst. Die letzten Sätze habe ich übrigens wieder vom großartigen Gisbert zu Kryphausen entliehen. Das macht man ja so in der heutigen Popkultur. Abschreiben. Besonders gern, wenn man selber nicht allzu viel zusagen hat. Und meistens, ohne die Quellen irgendwo anzugeben. Ich muss den Eintrag jetzt kurz unterbrechen. Mein Akku geht langsam zu neigen. Werde mein Schreibtätigkeit an einem gemütlicherer Platzt fortsetzen. Wo man Bier trinken kann. In meinem Wohnzimmer. Hier bin ich wieder. Mit der kurzen Unterbrechung hat es nicht so gut geklappt. Inzwischen ist es nämlich Dienstagabend. Der Grund dafür ist einfach und ihr kennt ihn bestimmt nur zu gut. Ich wurde abgelenkt. Am Sonntagabend ist nämlich Xavier aus New York wieder gekommen. Ein Bier führt zu einem Anderen. Und plötzlich diskutiert man die ganze Nacht über die Bedeutung eines Director Cut's. Am Montagabend musste ich dann viel für meine Unterricht vorbereiten. Außerdem war ich noch ziemlich fertig von Wochenende. Hab mal wieder zu viel Zeit im Blue Parrot und danach im Mamaventura verbracht. Das Mamaventura ist übrigens der einzige Club in Gettysburg. In etwa vergleichbar mit der Dille, nur etwas schäbiger und dreckiger. Das Publikum ist aber ungefähr gleich. In einer Kleinstadt hat man eben nicht viel Auswahl. Am Samstag hat Brett dann sein Projekt fortgesetzt, mich zu amerikanisieren. In Klartext heißt das. Wir haben uns 11 Uhr morgens mit ein paar Freunden getroffen und dann den ganzen Tag Bier getrunken,gegrillt und Rockband gespielt. Tailgating nennt man das hier. Im Münster wäre das wahrscheinlich nur ein ganz normaler Sommertag gewesen. Ach ja, nebenbei schaut man noch Football. Das ist aber echt nur Nebensache. Bei Rockband bin ich erstaunlicherweise ziemlich gut an der Gitarre. Da haben sich die ganzen Jahre Gitarrenunterricht ja doch noch ausgezahlt. Inklusive Blue Parrot und Mamaventura bin ich so auf sechzehn Stunden gekommen. Sind zwar keine vierundzwanzig Stunden geworden, aber ich hatte auch nicht so treue Gefährten wie Brockmann und Leo. Bob, hast du es eigentlich auch geschafft? Das Telefonat am Freitag hat mich richtig gefreut. Irgendwie bin ich stolz, solch bekloppten Freunde zu haben. Hab ja auch nicht umsonst sechs Euro dafür bezahlt. Bin mir nur bis heute nicht sicher, ob Bob auch etwas dafür bezahlen muss. Spätestens auf seiner nächsten Rechnung wird er es ja sehen. Deshalb ist es also Dienstagabend geworden. Immerhin liege ich aber nun im meinem Wohnzimmer, höre ein wenig Moneybrother, trinke Bier und esse die Süßigkeiten, die meine Ma mir geschickt hat. Die Pakete aus Deutschland sind nämlich inzwischen alle angekommen! Endlich wieder Milka, Haribo und Meerestiere.
Komm gerade von der German Movie Night wieder. Diese Woche habe ich eine Sneak Preview veranstaltet, inklusive Filmquiz, Gewinnspiel und Bewertungsbogen. Ist auch ziemlich gut angekommen Nur niemand wusste, woher das Zitat „I am a golden god“ kommt. Schon enttäuschend. Als Sneak habe ich „John Rabe“ gezeigt. Insgesamt hat der Film eine Bewertung von 2,27 bekommen. Nicht schlecht, aber an „The Hangover“ kommt es natürlich nicht ran. Inzwischen haben zum Glück auch die ganzen Serien wieder angefangen. Hab dafür auch immer in meinen Sprechstunden Zeit. Da kommt eh meistens keiner. Leider hat „How I met your mother“ in den ersten beiden Folgen genau dort weiter gemacht, wo es in der letzte Staffel aufgehört hat. Dafür ist die Dritte wieder richtig gut. „Dexter“ ist dafür von der ersten Folge an großartig. Langsam fragt man sich nur, wie man immer noch mit einem Serienkiller mitfühlen kann. Eine Sache habe ich noch vergessen. Bin jetzt offiziell Moderator beim Campusradio WZBT. Wobei Campusradio etwas untertrieben ist. Immerhin hat der Sender dreißig Meilen Reichweite. Sonderlich viel können muss man dafür aber nicht. Sonst hätten sie mich nicht so einfach genommen. Hab diesen Donnerstag meine erste Sendung. Frequenz und Uhrzeit sage ich aber noch nicht.
Will wenigstens die ersten Wochen noch ungestört ein bisschen was ausprobieren. Danach kann ich mich immer noch eurer Kritik stellen. Meine Show wird aber auf jeden Fall „Schäferstündchen“ heißen und einmal die Woche laufen. Der Name ist eine Anspielung auf den Hauptcharakter des Deutschbuches. Ein netter Herr namens Günther Schäfer. Freue mich schon richtig auf die Sendung. Zusammen mit meinen Studenten werde ich da deutsche Musik vorstellen und hoffentlich ein paar Beiträge über Deutschland produzieren. Einen großes Unterschied zu RadioQ gibt es aber.
Es wird nämlich nicht live, sondern mit dreißig Sekunden Verzögerung gesendet. Wenn ich also jemanden beleidige, habe ich genau dreißig Sekunden um den Reset Knopf zu drücken. Ansonsten muss ich bis zu 10.000 Dollar Strafe zahlen. Vielleicht komm ich also als armer Schlucker aus Amerika zurück. Jetzt habe ich euch genug gequält. Ich glaube, ich habe meinen Punkt klar gemacht. Noch Fragen? Bevor ich es vergesse.
Ich habe auch zwei neue Alben hochgeladen. Eines mit Bildern von New York und Boston und eines mit Bilder, die ich über die Zeit so angesammelt haben. Die Links sind http://picasaweb.google.com/Eastcost und http://picasaweb.google.com/Quatsch. Noch eines. Nimmt diesen Beitrag bitte nicht zu ernst. Freue mich natürlich über jede Post aus Deutschland. Beantworte halt nicht jede. Dieses Wochenende geht’s nach New Orleans. Die Stadt der Sünde und Katrina. Außerdem kann man auf der Straße Bier trinken. Ein wenig anders ist das Leben also schon.Ach übrigens, es gibt keinen Unterschied zwischen gern und gerne. In diesem Sinne, auf das Leben und die deutsche Grammatik. Beste Grüße, Tobi.




Hehe, Bob hat es übrigens nicht geschafft. Um 10 Uhr morgens, zwei Stunden vor Schluss, hat er aufgegeben, sodass Brockmann und ich ohne ihn die Ziellinie überqueren mussten. :-)
AntwortenLöschenHab ich mir ja schon fast gedacht. :D Eine Frage bleibt aber Leo. Hier in Gettysburg ist es halb 3. Bist du immer noch wach oder bist du gerade aufgestanden?
AntwortenLöschensehr genialer Eintrag, besonders das video in mitte. Grandios :D
AntwortenLöschenSieht so aus als ob ich ab morgen auch mal weiter machen muss mit bloggen :< geht ja nicht an das du mir davon ziehst!
Schöner Eintrag. Übrigens: Gestern in der Sneak: SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD (2010, Edgar Wright) [diese zitierweise habe ich heute im Seminar gelernt]
AntwortenLöschenUnd du fandest den Film nicht sooo gut?!? Tobi du bist verrückt. Alle sind begeister aus der Sneak gekommen und haben sich vor Freude gegenseitig umarmt und geweint... Naja ganz so nicht, aber das war ja eine pure genial Augenorgie. Vielleicht haben dich die durchgehenden Computerspiel-Anspielungen gestört, aber Holla die Waldfee. Ich will diesen Film auf DVD und zwar JETZT!
Nach diesem diametralen Unterschiede unserer Meinungen hier noch eine kurze Gemeinsamkeit: HIMYM - scheiße; Dexter - geil!