Montag, 29. November 2010

Das erste Mal (Teil 2) oder Thanksgiving in Amerika.

Der Fernseher ist endlich aus. Es ist Freitagabend und mein erstes Thanksgiving in den Vereinigten Staaten neigt sich langsam dem Ende zu. Morgen früh geht es zurück nach Gettysburg. Zurück auf den Campus, zurück zu meinem Bett, zurück ins 21. Jahrhundert. Besonders auf mein Bett freue ich mich richtig. Meine Luftmatratze hat nämlich ein kleines Loch. Deshalb reicht die Luft reicht nur für ungefähr sechs Stunden Schlaf. Einmal muss ich es aber noch so aushalten. Im Moment sitze ich im alten Wohnzimmer von Wendys Eltern und lausche dem leisen Rattern der Klimaanlage.  Wendy Wilson ist eine Professorin im deutschen Departement und hat mich für Thanksgiving adoptiert. Gerade ist Wendy nicht hier, sondern besucht ein paar Freunde in der Nachbarschaft. Sie schaut sich dort zusammen mit ihrer Schwester Robin ein Spiel der Philadelphia Flyers an. Das ist aber nichts für mich. Eishockey ist einfach nicht mein Sport. Deshalb habe ich ein wenig Zeit euch von meinem ersten Thanksgiving zu berichten. Ich bin nämlich das erste Mal alleine. Alle anderen sind ausgeflogen. Wendys Mutter ist gerade auf der Arbeit. Im stolzen Alter von 73 Jahre arbeitet sie immer noch dreißig Stunden die Woche. Ihr Vater hat damit zwar vor ein paar Monaten im Alter von 77 Jahren aufgehört, ist aber trotzdem ständig unterwegs. Gerade wegen der Toilette. Die ist nämlich verstopft.  Spätestens in zwei Stunden sind sie aber wieder da. Dann spielen nämlich die Philadelphia Eagles. Das ist schon eher mein Ding.  American Football, am besten zusammen mit einem eisgekühlten Bier. Warum ich diese abgenutzte Redewendungen benutze?  Ganz einfach. Zum einem wird das Bier hier tatsächlich eisgekühlt getrunken. Nicht lauwarm, nicht in Zimmertemperatur, nicht gekühlt, nicht kalt, sondern stets eiskalt. Manchmal schwimmen sogar noch ein paar Eiswürfel im Bier. Wahrscheinlich wissen Amerikaner ganz genau, dass ihr Bier nicht schmeckt und versuchen so den fehlenden Geschmack zu kaschieren. Zum anderem hab ich aber anscheinend die Angewohnheit abgedroschene Phrasen in meinem Blog zu benutzen. Wenigstens,  wenn man meinem kleiner Bruder glaubt. Er war nämlich nicht ganz mit der Darstellung seines Lebens zufrieden.

[2:38:01 PM] Tim: das mit dem schwert kam meiner meinung nach aus jedem fall aus einem fantasy buch, möchte mich hierbei aber nicht festlegen, ist so eine standard floskel :D
[2:38:17 PM] Tobias Hartl: Ich weiß.
[2:38:39 PM] Tobias Hartl: Hab mich in wie einem mittelklassigen Fantastyroman gefuehlt.
[2:38:49 PM] Tobias Hartl: Glaub das erwaehne ich im naechsten Eintrag....
[2:39:19 PM] Tim: das wäre auf jeden fall sehr selbstkritisch und ein guter anfang^^

Dazu aber im nächsten Eintrag mehr. Also von Phrasen und Fantasyromanen. Jetzt erst mal zurück zu meinem ersten Thanksgiving in der Vereinigten Staaten. Zu American Football und Bier. Wenn man Thanksgiving nämlich lange genug destilliert,  kann man das ganze Fest wahrscheinlich auf genau diese beiden Zutaten reduzieren. Natürlich wird nebenbei noch gespielt, Truthahn gegessen und geschissen, aber das wichtigste bleibt das Bier und der Fernseher. 
Der läuft nämlich immer im Hintergrund. Wahrscheinlich habe ich noch nie so viel Fernsehen geschaut.  Höchstens als Kind, wenn ich meine Großeltern besucht habe. Inzwischen tut mir das aber ein bisschen Leid. Soviel verschwendete Zeit.  Trotz dieser Dauerbeschallung war Thanksgiving ziemlich großartig. Manchmal braucht man einfach ein paar faule Tage, um seine Batterien wieder aufzuladen. Einfach mal nichts tun. Denn selbst wenn ich versucht hätte etwas produktives zu machen, stände mir immer noch eine Person im Weg. Wendys Mutter. Anscheinend hat sie es sich nämlich zur Aufgabe gemacht, mich wie ein Lamm vor Weihnachten zu mästen.  Sie hatte wohl die Befürchtung, dass ich als Vegetarier bei Thanksgiving zu kurz komme. Da ich auch von dem Rest der Familie wie einen verlorene Sohn aufgenommen wurde, hatte die Langeweile trotz weitgehender Beschäftigungslosigkeit keine Chance.  Beim traditionellem  Thanksgivingessen gestern Abend wurde dann tatsächlich auch der Fernseher ausgemacht. Zwar nur für eine halbe Stunde, aber immerhin. Das einzig Befremdliche war, dass wir auch dort Plastikgeschirr benutzt haben. In den letzten drei Tagen haben wir so unglaubliche Mengen an Müll produziert, aber das ist eben auch Amerika. Nach dem Essen haben wir dann noch ein paar Stunden gepokert. Zwar nur mit Münzen, aber trotzdem habe ich 25 Dollar gewonnen. Inzwischen ist das Geld aber wieder weg. Heute morgen habe ich mir nämlich ein paar Wintersachen gekauft. Das ist eine andere Thanksgiving-Tradition. Black Friday. Im Prinzip das Gleiche wie ein Sommerschlussverkauf, nur zehn mal heftiger. Die Läden machen schon um drei Uhr morgens auf und alles ist unglaublich billig. Wir waren erst um 10 Uhr da, es war aber trotzdem erschreckend. Ganze Familie erfasst im Konsumfieber und Shoppingwahn. Selbst Kleinkinder müssen mithelfen, alles zur Kasse zur bringen.
Viel besser bin ich aber nicht. Schließlich habe ich mit meinem Einkauf auch dazu beigetragen, diesen absurden Kreislauf aufrecht zu erhalten. Es war aber einfach so verdammt billig und ich brauchte einfach ein paar neue Sachen. Besonders nachdem ich die Hälfte meiner weißen T-Shirts mithelfen eines Kugelschreibers zerstört habe.  Von nun an schaue ich wirklich immer zweimal vor dem Waschen nach, ob ich nicht irgendwas in den Taschen vergessen habe. Trotzdem stinken diese Argumente gewaltig. Was soll man aber machen? Die Alternativen sind auch nicht wirklich berauschend. Auch wenn es hier in Pennsylvania viele Siedlungen der Amischen gibt.   

Amischen, die.
Die Amischen sind eine protestantische Glaubensgemeinschaft. Sie haben ihre Wurzeln in der reformatorischen Täuferbewegung Mitteleuropas. In den Vereinigten Staaten gibt es mehr als 400 amische Siedlungen und Gemeinden. Ihre Mitglieder führen ein stark im Agrarbereich verwurzeltes Leben und sind bekannt dafür, dass sie viele Seiten des technischen Fortschritts ablehnen und Neuerungen nur nach sorgfältiger Überlegung akzeptieren. Die Amischen legen großen Wert auf Familie, Gemeinschaft und Abgeschiedenheit von der Außenwelt. Sie stammen überwiegend von Südwestdeutschen oder Deutschschweizern ab und sprechen untereinander meist Pennsylvania Dutch, eine seltsame Mischung aus Deutsch und Englisch. Einmal habe ich einen amischen Mann mit Ipod gesehen.

Die ideale Lösung sind aber auch anders aus. Die Amischen haben ihren eigenen Probleme. Der einzige wirkliche Unterschied ist wohl, dass sie immer noch mit der Kutsche anstatt dem Auto zum shoppen fahren. Eines muss man aber trotzdem festhalten.  Sie machen richtig guten Erdnussbutterkuchen.  Wie dem auch sei. Genau deswegen bin ich ja hierhin gekommen. Um ein traditionelles amerikanisches Thanksgiving zu erleben, Bier zu trinken und eine schöne Zeit zu verbringen. In der Mitte vom Nirgendwo. Im Herzen von Amerika. Das sieht man auch im Wohnzimmer. Irgendwie ist das nämlich in einer anderen Zeit stehen geblieben. In einer Zeit, wo es in Amerika noch Vollbeschäftigung gab.  In einer Zeit, wo das Bild von Amerika noch nicht durch Vietnam, Kuba oder dem Irak beschädigt war. Irgendwo in der sechziger Jahre. Eines sieht man aber sofort. Es ist ein richtiges Zuhause und kein perfektes designtes Ausstellungsstück. Der Boden ist ein bisschen dreckig, das Sofas schmudelig und im ganzen Haus sieht man Spuren und schlecht verheilten Narben von fast  41 Jahren Familienleben. Das Prunkstück des Wohnzimmers ist neu und  der ganze Stolz der Vaters.  Ein riesige Flachbildfernseher. Natürlich mit Kabel und über 900 verschiedenen Programmen.  Inzwischen läuft der Fernseher auch wieder. Gerade ist nämlich der Vater von Wendy wieder gekommen und hat sich zu mir ins Wohnzimmer gesetzt. Vorher hat er mich natürlich gefragt, ob das für mich in Ordnung geht. Gerade laufen die Nachrichten. Anscheinend haben zwei Truthähnen Thanksgiving überlebt. 

Gestern wurden trotzdem über 45 Millionen Truthähne gegessen. Die meisten Truthähne sehen aber ganz anders aus und haben wahrscheinlich noch nie das Tageslicht gesehen. Sie sind paarungsunfähig, leiden an diversen Krankheiten und sind so mit Antibiotika voll gepumpt, dass sie Kinder für herkömmliche Antibiotika immunisieren. Was eine Welt. Immerhin konnte Obama mal wieder etwas glänzen, obwohl mir das inzwischen auch relativ am Arsch vorbei geht. Was sind Drohnen schon mehr als gedungene Attentäter im Dienste der Regierung. Nur ohne Gesicht und obendrein sterben auch noch Zivilisten. Dieses Element fehlt eigentlich auch bei Junta. Die Drohne.   Jetzt aber zum zweite Teil vom letzten Eintrag. Wo habe ich beim letztem Mal aufgehört? Irgendwo am Anfang. Weit bin ich wirklich nicht gekommen. Dann bin ich abgeschweift, habe ein wenig über amerikanische Tastaturbelegungen philosophiert, euch von meiner Begegnung mit einer mysteriösen Fremden berichtet und bin schließlich irgendwie auf  meine Kartoffelsuppe zum sprechen gekommen. Man kann mich einfach viel zu leicht ablenken. Meine einzige Schwäche. Wenigstens, wenn man nicht mit mir zusammen lebt. Da kann ich schon ziemlich nervig sein. Das können Leo, Ruben, Niklas und Mathis bestimmt bestätigen. Jetzt beginnt auch meine Beziehung mit Kanoko, meiner japanischen Mitbewohnerin, merklich abzukühlen. Anscheinend scheinen unsere Kulturen nicht wirklich miteinander zu funktionieren.


Das ist  Brief von ihr, nachdem an einem Samstagabend ein paar Freunde eingeladen habe. Am Samstagabend! Ich war aber schon vorher in ihrer Ungnade. Ich habe nämlich unerlaubt ihr Zimmer betreten und ihr nacktes Bein gesehen.  Warum antwortet sie auch mit ja auf meine Frage, ob ich reinkommen kann. Zum Glück wohnt sie in aber im Erdgeschoss. Da können auch schon mal ein paar Wochen ohne Begegnung vorbei ziehen. Es sind ja auch nur noch sieben Monate in den Staaten. Noch sieben Monate, um vernünftiges Englisch zu lernen. Das war nämlich einer der Hauptgründe für mich nach Amerika zu gehen. Nicht nur für meine zukünftige Schüler, sondern vielmehr um den Hohn und Spott in Münster zu entgehen. In diesem Sinne kann ich heute sagen. Danke für die Beleidigungen! Danke für das Gelächter! Danke für den Schmerz! Ohne euch würde ich immer noch in Münster herum hängen. Ich habe natürlich auch nur aus rein pädagogischen Gründen das Gerücht gestreut, dass Leo zu viel Pepsi trinkt. Das Zeug tut ihm einfach nicht gut und es höchste Zeit, dass er damit aufhört. Aber zurück zu meinem Englisch. Ich habe einen Traum. Einen Traum, endlich ohne deutschen Akzent sprechen. Einen Traum, endlich  das th vernünftig zu betonen. Einen Traum, dass schwarze, weiße, braune, gelbe, und blaue Menschen zusammen kommen und, ohne über ihre Akzenten zu lachen, miteinander sprechen. Einen Traum, ohne ständig Leute zu zitieren, vernünftige Einträge zu schreiben. Wenigstens befinde ich mich hier in guter Gesellschaft.  Diese Rede wurde nämlich schon fast von jedem amerikanischen Politiker  benutzt. Besonderes beim Filibuster, wenn es darum geht durch möglichst weite Ausschweifungen irgendein Gesetz zu verhindern.  Dieser Abschnitt ist mal wieder eine Mythenmetzsche Abschweifung. 
Natürlich könnt ihr sie einfach überspringen, verpasst aber vielleicht ein für die weitere Handlung entscheidende Bemerkung. Es geht um die Filibuster Regelung im amerikanischen Senat. Dort wird die Rede von Martin Luther King  auch oft verwendet. Zwar nicht in der längste Rede,  aber da war sie auch noch nicht geschrieben und wäre wahrscheinlich eh nicht benutzt worden. Die längste Einzelrede mit einer Gesamtlänge von 24 Stunden und 18 Minuten hielt nämlich Senator Strom Thurmond am 28. August 1957, um den Civil Right Act von 1964 zu verhindern, der Afroamerikanern  des Wahlrechts erleichtern sollte. Unter anderem zitierte er die Unabhängigkeitserklärung, die Bill of Rights und die Wahlgesetze sämtlicher Bundesstaaten. Außerdem gab er ein Kuchenrezept seiner Großmutter preis. Er hatte seinen Filibuster vorher angekündigt und vorbereitet. Deshalb war er zuvor in der Sauna gewesen, um während der Rede nicht auf die Toilette zu müssen. Falls dies doch eintreten würde, stand im Nebenraum ein Mitarbeiter mit einem Eimer bereit. Auf diese Weise hätte der Senator seine Notdurft verrichten können, während er immer noch mit einem Bein im Senat anwesend war. Diese Regelung gibt es übrigens immer noch und wird gerade von den Republikanern reichlich benutzt. Zurück zu meinem Traum, besser Englisch zu sprechen. Die Realität sieht nämlich leider ganz anders aus. Nicht mein Englisch, sondern mein Deutsch ist besser geworden. Ich weiß jetzt was schwache und starke Adjektivendungen sind, ich kenne die Deklinationstabellen von Akkusativ, Dativ und Genitiv und  kenne die  Verwendung von Konjuktiv I. 
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Ob sich mein Englisch hingegen wirklich verbessert hat, ist schwer einzuschätzen. Ich habe schon fast die Befürchtung, dass es ein bisschen vor sich hin stagniert und eine leichte spanische Färbung annimmt. Aus irgendeinem Grund hänge ich hier nämlich hauptsächlich mit Europäern rum. Entweder mit Kollegen oder internationalen Studenten. Aber was soll man machen? Everybody is a little bit rascist. Sometimes. Letzten Sonntag war ich mit einigen Freunden in Washington und habe zum ersten Mal die Frames live gesehen. Wenn ich jemals die Chance habt, Glen Hansard live zu sehen, nutzt sie. Der Typ ist einfach unglaublich. Da kann selbst Ruben noch was lernen. Meine Mutter hat die Daten schon nachgeschaut. Die Frames spielen genau einmal in Deutschland. In Hamburg. Diese Premiere ist aber auch nicht der Grund für den ursprünglichen Eintrag. Der folgt nun. Ich habe nämlich zum ersten Mal das Abschiedsvideo gesehen. Warum? Ehrlich gesagt musste ich einfach eine halbe Stunde überbrücken.  Vom Zeitrahmen passte es also perfekt. 
Ansonsten stand nur facebook zur Auswahl. Da hat es knapp die Oberhand behalten. Als ich das Video dann gesehen habe, war ich im ersten Moment  überrascht. Nicht, weil ich Teile wieder verdrängt hatte, sondern weil ich überhaupt nicht traurig war. 
Kein bisschen. Nur stolz, so viele unglaublich tolle Menschen kennen gelernt zu haben und zu meinen Freunden, Feinden oder entfernten Bekannten zählen zu dürfen. Die perfekte Medizin gegen jegliches Gefühl von Kummer, Schmerz, Traurigkeit und natürlich gegen Bauchschmerzen. Also, wer das hier liest. Im Prinzip kann man den Eintrag in einem Wort zusammenfassen. Liebe.  Nächsten Sonntag ist ja auch schon der erste Advent. Da kann man schon mal sentimental werden. Zum Glück bin dann aber wieder in Gettysburg. Ich habe nämlich einen neuen Spitznamen. Blitz. Als ich nicht da war, haben Alba und Xavier nämlich einfach so einen Kürbiskuchen im Dining Center geschenkt bekommen. Obendrein gab es auch noch zwei Runden Freigetränken im Blue Parrot. Und ich war wegen Thanksgiving nicht da.  Oh, Man! Ich muss diesen Fluch loswerden. In diesem Sinne, beste Grüße nach Deutschland. Tobi

1 Kommentar:

  1. Moin,
    wie immer ein sehr schöner Artikel. Sehr schön finde ich das du den Satz in dem du sagst das du weniger zitieren willst mit Zitaten Spickst :D
    Der erste Advent war übrigens schon gestern ;)
    Ansonsten hoffe ich, das ich durch dich angestachelt auch mal wieder bloge w.w bin doch etwas Faul gewesen!
    Schöne Grüße an den nun Perfekt Deutsch und Englisch mit Spanischem Akzent Sprechenden in Amerika!
    mfg

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