Mittwoch, 29. Dezember 2010

Eingeschneit

Hier kommen wir so schnell nicht mehr raus! Das war wenigstens mein erster Gedanke heute morgen. Vor unserer Haustür  hatte sich nämlich über Nacht eine schier undurchdringbare weiße Wand aufgetürmt. Mit ein paar Spatenstichen war dieses Problem aber schnell beseitigt. Draußen erwartete uns aber ein weißes Wunderland.  Nachdem New York gestern Abend von einem heftigen Schneesturm heimgesucht wurde, ist nämlich alles von einer halben Meter  dicken Schneeschicht bedeckt. Alle Flughäfen sind geschlossen, der Zugverkehr liegt brach und auch der Busverkehr ist größtenteils lahm gelegt.
Auf den Straßen sieht man nur noch vereinzelt Taxis und einsame, sich tapfer durch den den dichten Schnee kämpfende Fußgänger. Dick eingepackt mit Wintermützen, Schals und warmen Handschuhen.  Meine habe ich gestern schon wieder verloren. Schon das zweites Paar dieses Jahr. Dafür habe ich mir eine Mütze im Gedenken an J. D. Sallinger gekauft. Zum Glück sind wir gestern Abend  aber überhaupt aus dem Schneechaos raus gekommen. Zu der Zeit waren wir nämlich in Downtown und haben uns eine Show auf dem Broadway angesehen.  Allerdings keine Broadway-Show und auch keine Off-Broadway-Show, sondern eine Off-Off- … -Broadway-Show.  Im Klartext heißt das ein kleiner Saal im Hinterhof eines Restaurants mit ungefähr dreißig Sitzplätzen. Es war echt großartig. Wir waren wahrscheinlich die Einzigen, die die Darsteller nicht persönlich kannten. Der grandiose Höhepunkt der Show war eine über 50 Jahre alte Frau, die trotz diversen künstliche Gelenken und  begleitet von dem Star Wars Soundtrack  Yedi-Yoga vorgeführt hat. Eine Freundin hat davon ein Video gemacht. Ich versuche das mal in den nächsten Tagen rein zustellen. Als die Show vorbei war und wir schon auf unserem Rückweg waren, setzte der Schneesturm ein. Plötzlich ging nichts mehr. Blankes Chaos. Alle hatten nur noch ein Ziel. So schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Zum Glück fuhr aber die U-Bahn. So sind wir schließlich doch noch heil zurück nach Morningside Heights gekommen. Dort liegt unser Apartment, ganz in der Nähe des Morningside Parks.  Es befindet sich in kleinem, unscheinbaren Haus und umfasst zwei Stockwerke Die Zimmer haben hohe Decken und dunkle Holzfußböden. Die Betten sind gemütlich, die Badezimmer relativ sauber  und wir haben sogar einem Kamin. Eigentlich also gute Voraussetzungen. Neben einer Maus und einem Loch in der Küchendecke, gibt es aber ein Problem. Wir sind insgesamt 22 Leute für nur 17 Betten und drei Badezimmer. Wobei mich das eher weniger betrifft. Der männlich Anteil unserer Reisetruppe beläuft sich nämlich auf unter 20 Prozent. Deshalb hat jeder von uns ein eigenes Bett. Kein Mädchen wollte unser ritterlichen Angebots annehmen wollte, bei uns im Zimmer zu schlafen. Das Badezimmerproblem haben aber alle. Dazu kommt auch noch, dass wir nur zwei Schlüssel für die Wohnung haben. Das ist schon ein bisschen stressig, aber für New York ist es wohl in Ordnung. Die Stadt ist einfach unglaublich und die Zeit hier vergeht wie im Fluge. Das liegt zum Großteil einfach an den Leuten, mit denen ich das Apartment teile.  Die Meisten habe ich über Fulbright kennen gelernt und es ist echt ein cooler Haufen. Für Privatleben ist in dem Apartment aber einfach kein Platzt. Also mal schauen wie sich das in den nächsten Tage so entwickelt. Ein paar Zicken sind auch dabei. Der Großteil der Truppe kommt aus Argentinien oder Spanien. Zu meinem Bedauern hat das dazu geführt, dass die offizielle Sprache im Apartment Spanisch ist. Entgegen aller Klischees bedeutet das nicht mehr Party, sondern vielmehr deutsche Disziplin. Jeden Morgen ist der Wecker um Punkt 8 gestellt, um ja keine Sehenswürdigkeit in New York zu verpassen. Das ist schon etwas nervig. Aber was soll machen, durch den ganzen Lärm  wacht man so oder so auf. Nachts gehen wir dann auch aus, aber in Münster oder selbst in Gettysburg war das deutlich  ausgelassener. Irgendwann landet man immer in den typischen Touristenfallen.  Ich bin trotzdem froh, die Winterferien hier und nicht in irgendeinem Hostel zu verbringen. Nach Puerto Rico habe ich davon erst mal genug..  In Hostels hängen einfach zu viele einsame Seelen herum, die auf der Suche nach dem Glück ziellos durch die Welt reisen. Einige machen Urlaub, andere suchen die Freiheit und die Meisten wollen einfach ficken. Das ist nicht das Problem. Irgendwann fängt man dann auch selber an, sich zu fragen, was man eigentlich will und was die verdammte Freiheit eigentlich bedeuten soll. Deshalb bin ich ganz froh die Weihnachtszeit zusammen mit Freunden zu verbringen. Zurzeit bin aber allein in unserem Apartment. Trotz des Schneesturms sind die Anderen mal wieder früh raus, um möglichst viel von New York zu sehen. Mir war mein Schlaf heute wichtiger. Es sind ja Ferien. Außerdem hat Bürgermeister Michael Bloomberg alle New Yorker aufgerufen, heute zu Hause zu bleiben und die Zeit mit der Familie zu genießen. Das habe ich einfach wörtlich genommen, meinen Morgen mit der Familie Griffin verbracht und den dritten Teil der Star Wars Saga geschaut. Später stoße ich aber wieder zur Gruppe hinzu. Dann gehen wir ins National History Museum. Empfohlen sind zwar 20 Dollar, aber im Endeffekt entscheidet jeder selber, wie viel er bezahlen will. Eine sehr humane Politik.  Wirklich viel erwarte ich nicht von dem Museum, aber vielleicht überrascht es mich ja positiv. In Washington war das gleiche Museum eigentlich ganz entspannend, nur die inhaltliche Reihenfolge war etwas fragwürdig. Erst Säugetiere, dann Affen und anschließend Afroamerikaner. Da fragt man sich schon, ob das so beabsichtigt war. Eine andere Sache stört mich aber generell in allen Museen. Die ganzen Kameras.  Ich möchte jetzt nicht von den Fesseln der Technologie sprechen, den ganzen bisherigen Fortschritt  verteufeln und die Rückbesinnung auf christliche Werte fordern. Ein bisschen komisch ist es aber schon. Da geht man extra in ein Museum, um sich die Dinge mit eigenen Augen anzuschauen und dann sieht man sie doch nur durch den Bildschirm seiner Kamera. Besonders ein besonderer Typ von Fotografen  stört mich besonders. Gemeint ist der Homo Photocus, westeuropäischer Prägung.  Man erkennt ihn ganz leicht. Designerkleidung, Sonnenbrille und einen leicht abwertenden Gesichtsausdruck.  Stets auf der Suche nach dem perfekten Foto streift er ruhelos durch die Museen. Die Kamera um den Hals, die Finger auf den Abzug. Immer bereit, immer auf der Pirsch. Im allgemein eher ein Kaltblüter, wird er besonders um Werben um seinen Weibchen schnell aggressiv. Dann schreckt er vor keinen Mitteln zurück, um ungewollte Eindringlingen vor seinem Objektiv zu vertreiben.  Der Homo Photocus ist über die ganze Welt verbreitet. Neben Westeuropa fühlt sich vor allem in Nordamerika, Japan und einigen Teilen von Südamerika heimisch. Eigentlich solle man aber Mitleid mit diesen Geschöpfen haben. In ihrem Wahn der nächste Leonardo da Vinci zu werden, vergessen sie nämlich oft, dass Museum selber zu genießen. Für mich ist es jedenfalls einfach befreiend, keine Kamera zu haben. Wofür schießt man  auch die ganzen Fotos? Ich  schaue mir die Fotos nicht nochmal an und wen interessiert wirklich ein weiteres Foto der Brooklyn Bridge? Inzwischen habe ich auch das Selbstverständnis entwickelt, einfach nein zu sagen, wenn mich jemand bittet, für ein Foto kurz aus dem Weg zu gehen. Soviel zu meinen Semesterferien. Ich hoffe, ihr hatte alle ein paar schöne Feiertage, habt gut gegessen und getrunken und viel Zeit mit euren Familien und Freunden verbracht. Das habe ich dieses Jahr bei Budweiser und Pizza echt vermisst. Kommt gut ins neue  Jahr. Ich werde es standesgemäß in einem Irish Pub begießen. Sláinte!

2 Kommentare:

  1. Hab die Umfrage verpasst. Verdammt! =)
    Wünshe dir auh einen sogenannten guten Rutsh und wenn du errätst welher Buhstabe auf meiner Tastatur kaputt ist, kriegst du irgendwann irgendwas,nie.
    =*

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  2. Siehst du und so ähnlich wie bei euch ging es hier bei uns auch zu. Keine Züge, keine Busse und jede menge Schnee, dazu ein schlechter Winterdienst Chaos pur! Allerdings habe ich nicht den Luxus mein riesiges Haus mit 21 anderen junge größtenteils weiblichen Menschen zu teilen sondern lediglich ein großes schwarzes etwas in unserer kleineren älteren Wohnung. Mein Bett muss ich auch nicht teilen, was mir bei der Auswahl aber auch deutlich leichter fallen dürfte als dir :P
    Dafür hab ich mehr Privatleben und weniger spanisch-deutsche Disziplin, was aber nicht so schlecht ist aber Münster ist auch nicht New York!
    Auch wenn du mich vielleicht für einen Homo Photocus halten magst möchte ich nochmal betonen das ich keiner bin! Ich habe momentan nicht mal eine funktionierende Kamera! In Museen gibt es auch für mich deutlich weniger interessantes zu fotografieren, auf meine Bilder müssen Menschen. Dann guckt man sich die auch noch nach Jahren gerne an und kriegt mit ein bisschen Glück noch die ganzen alten Geschichten auf die Reihe. Das dir die Familie fehlt kann ich gut verstehen, aber wenn man die im Gegensatz zu dir etwas öfter sieht, ist man auch recht schnell wieder Froh das es vorbei ist (besonders das essen x_x). Wünsche auf jeden Fall einen guten Rutsch und alles Gute fürs neue Jahr. So ein Irish Pub ist sicher auch cool und auf jeden Fall sehr stilecht :)

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