Mittwoch, 5. September 2012

Verandageschichten


Ich bin gewiss nicht der Erste, der dieses seltsame Phänonem bemerkt, aber manchmal geht die Zeit einfach unbemerkt an einen vorbei.  Seit meiner Ankunft ist schon einiges an Zeit verstrichen, aber aufwachen tue ich manchmal immer noch in Deutschland. Gleichzeitig fühlt es sich so an, als lebte ich schon ewig in diesem Haus auf der Florence Street. Alles war irgendwie einfacher dieses Mal. Das Einleben fiel mir nicht schwer und bis jetzt ist auch noch kein Gefühl von Heimweh aufgetaucht. Während ich in Gettysburg am Anfang immer mit offenen Mund und staunenden Augen durch jede Straße gelaufen bin, fühle ich mich  hier fast schon zu Hause, kenne die hölzernen Bruchbuden samt Veranda und die riesigen Autos.  Vielleicht habe ich aber auch noch nicht verstanden, dass mich jetzt ein Ozean von Deutschland trennt.

Im Moment habe ich nur eine unglaublich Schmach nach Zigaretten. Gelegenheitsraucher oder nicht, an einem warmen Septemberabend gehört das dazu. Dazu noch mit einem Bier in der Hand auf der Veranda sitzen, Clickclickdecker im Hintergrund hören und der Kerze dabei zuschauen, wie sie langsam nieder brennt. Leider meldet sich mein Gewissen. Eigentlich wollte ich noch zwei Kapitel für einen Kurs morgen lesen. Das verschiebe ich aber. Fuck drauf. Die letzten Tage habe ich schon genug erlebt. Ich musste erstmal ankommen. Vom Flughafen bin ich direkt in den Unialltag gestürzt und musste nebenbei das ganze Organisatorische erledigen. Die ganzen Kurse wählen, Kontos eröffnen, Handys entsperren, Bücher lesen, Möbel besorgen und der ganze restliche Mist. Zwischendrin wären wir fast umgezogen, unser Keller stand Fußhoch unter Wasser und ich hab mir fast den Finger abgehackt. Dafür kann ich  Messer  jetzt richtig schärfen, Hummus selber machen und Wasserrohre notdürftig abdichten.  Ganz nebenbei habe ich meine Mitbewohner beim Pokern abgezogen,  dank Ikea für 47 Dollar mein ganzes Zimmer eingerichtet und musste die Unterlegenheit deutscher Bier zugeben.  Wie viel Leben doch in so wenig Zeit passt. 

Vielleicht sollte ich einfach von vorne anfangen. Ich habe ein paar Kommentare gelesen und ich muss Torben recht geben. Anscheinend habe ich ganz vergessen aufzuklären, wie ich wieder in der USA gelandet bin. Deshalb das Ganze in Kurzform. Das Englische Seminar an der Uni Münster hat eine Partnerschaft mit der Clark University in Massachusetts.  Der Deal lautet folgendermaßen: Man geht ein Jahr in die USA, studiert dort und erhält dafür neben dem Master of Education einen amerikanischen Master of Arts. Gleichzeitig  kann man damit den Großteil seine Englischstudiums in Münster abdecken. Die Abschlussarbeit  gilt dann für beide Master. Im Prinzip also zwei für die Zeit von einem. Leider muss man selber 25% der Studiengebühren tragen. Ich vertraue aber darauf, dass die deutsche Wirtschaft meinen Wachstum weiter ankurbelt.

Die Gründe für Amerika stehen auf einem anderen Stück Pappe. Vor allem ist da natürlich der Reiz des Abenteuers, das Fernweh  und  die Herausforderung. Ich möchte sehen, ob ich den Master hier packen kann. Bis zu meiner Ankunft war mir das nicht bewusst, aber das Ganze ist direkt auf einen PHD ausgerichtet.  Zurzeit bin ich fast der einzige der nicht in diese Richtung geht und das Niveau ist dementsprechend. Untenrum. Außerdem möchte ich natürlich mein Englisch weiter verbessern. Perfektes  Englisch werde ich wohl nie sprechen, aber damit habe ich mich inzwischen abgefunden. Ich werde immer tausend likes benutzen und gelegentlich das th vergessen. Die likes sind wenigstens typisch amerikanisch. Einer meiner Professoren lebt schon seit 20 Jahren hier und man bemerkt seinen deutschen Akzent immer noch. Warum sich sorgen. Ein Akzent ist immerhin die Zigarette im Ausland. Durch nichts kommt man schneller ins Gespräch.

Diese ganzen Gründen sich natürlich auch nur eine Seite aller Medaillen. Viel liegt auch in mir selber vergraben. Ich mag aus dem Alltag gerissen zu werden, nicht zu wissen, was der Morgen bringt und mich mir selber zu stellen.  Alte Entscheidungen zu hinterfragen, seine eigene Prägung zu erkennen und sich Dämonen zu stellen. Irgendwie gelingt mir das am besten in der Ferne. Wie Clickclickdecker schon sang:

Hast auch du deine Dämonen
Doch wem würdest du sie zeigen

Wer sammelt deine Fragen
Wer löst sie dann ein
Und wann wirst du dir eingestehen
Nicht allein damit zu sein


In seinen Worten liegt viel wahres.  Mehr möchte ich darüber jetzt nicht nachdenken. Langsam muss ich echt ins Bett. Ich fange an, Schwachsinn zu schreiben. Eine Anmerkung für alle Wettinteressierten gibt es aber noch. Es gibt jetzt auch Kombiwetten bei meiner Schwester. Man kann jetzt auch den Grund für den Verlust spezifizieren. Zum Beispiel, dass mir das IPhone gestohlen wird. Die Chance dafür sind gerade in Worcester ziemlich hoch. Die Stadt ist nämlich ziemlich abgefuckt. Gerade die Gegend um den Campus ist bei Nacht sehr gefährlich und ein paar Studentenbuden in der Gegend wurden schon ausgenommen. Der benachbarte See hört auf den schmeichelhaften Namen Dead Hooker Lake und heute morgen hatten wir vier Polizeiautos vor der Tür stehen. Sie wollten aber nur mit unseren Nachbarn sprachen. Sorgen muss man sich aber nicht machen, der Campus selber ist stark gesichert. Es gibt sogar einen eigenen Taxiservice, der Studenten kostenlos von Kneipen oder Freunden. abholt. Das Ganze hat nur ein bisschen dritte Weltland Flair, wo sich die Reichen sich vor der Armen schützen. Schon abgefahren. Ich laufe deshalb meistens ohne IPhone und wenig Bargeld durch die Gegend. Vielleicht schaffe ich es aber trotztdem dieses Wochenende ein Video von der Gegend zu machen. Das habe ich meiner alten Klasse versprochen. Dann stelle ich das auch auf dieser Seite hoch. Zum Schluss noch meine neue Adresse:

29 Florence Street
Worcester, MA 01610
USA

Schreibt mir, wenn ihr Lust habt. Erst einmal aber eine gute Nacht. Aloha.

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