Freitag, 5. Oktober 2012

Der Drache ist kein Hund

Angestachelt von Leos fulminaten Tour de Force durch schwedische Sitten und Gebräuche,  habe ich mich mal wieder an den Küchentisch gesetzt, um Leo nicht kampflos das Feld der morgigen Schlagzeile zu überlassen. Mein Leben ist zwar wie so oft festgestellt nicht ganz so spektakulär wie Leos, aber dafür greife ich zu Plan B und versuche hintenrum mit Geschichten aus meiner Deutschklasse zu punkten. Alternativ hätte ich natürlich, wie Romney gestern abend in Perfektion demostriert, das Grüne vom Basilikum lügen können, aber wie Wortspiele gehört das nicht unbedingt in meinen Kompetenzbereich.  Bei meiner letzten in deutscher Sprache angefertigten Hausarbeit  habe ich nicht umsonst die Empfehlung bekommen, beim nächsten Mal die Sprachwerstatt zu konsultieren. Hier in Amerika hast sich aber tatsächlich einiges getan. Alles werde, kann und will ich an dieser Stelle aber nicht erzählen.  Ich vertraue wie Leo darauf, dass der Leser seine Vorstellungskraft dazu benutzt, um die Alltäglichkeit eines Auslandsaufenthalt mit nächtlichen Eskapaden mythisch zu überhöhen. Trotzdem habe ich das starke Gefühl, dass Leo zu Gunsten von aufschweifenden Wohnheimbeschreibungen den Leser nächtliche Begegnungen in Kaufhausgassen oder ähnliches vorenthalten hat. 
Da ich diesen Verdacht nicht weiter erhärten kann, zurück zu meinen Erlebnissen in den Vereinigten Staaten. Wahrscheinlich wollte Leo  sein Pulver noch nicht gänzlich verschießen und bereitet schon emsig eine mehrstündige Diashow nach seiner Rückkehr vor. Einen kurzen Vorgeschmack darauf, habe ich einfach mal links neben den Text reingestellt. Der Ort dieses Fotos bleibt wiederum der Fantasie des Lesers vorbehalten. Eine gute Sache hat ein Auslandstudium aber auf jeden Fall. Man wird genötigt seinen Alltag und alten Gewohnheiten auszubrechen. So kam es, dass ich tatsächlich dem verschwitzende Kult der Körperästhetik beigetreten bin. Früher habe ich drüber Witze gemacht, dass dort nur gehirnlose Affen hingehen und ihre Gewichte stemmen, aber irgendwie ist das ein verdammt guter Ausgleich zu dem ganzen Nachgedenke. Jetzt bin ich selber unter ihnen, so drei- viermal die Woche, jeweils 20 Minuten Fahrrad fahren, laufen und schwimmen. Das Ganze ist umsonst und dank der horrenden Studiengebühren perfekt ausgestattet. Gerade war ich zusammen mit Sabri Atman da. Sabri ist ein Bekannter aus meinem War, Gender & Genocide Seminar und älter als mein Vater. Trotzdem verstehen wir uns irgendwie und das finde ich unwahrscheinlich großartig. Sein Lebensziel ist es, dass der  Genozid des Ostmanischen Reiches an den Assyriern international anerkannt wird und dafür forscht er hier. Er hat in einem Leben schon krass viel erlebt, spricht zwölf Sprachen und macht jetzt mit fast 60 noch einen Doktor. Manchmal ist es schon verblüffend, wenn man bedenkt, wie unwahrscheinlich so eine Begegnung am Anfang unser beiden Pfaden war. Eine Sache habe ich Leo auf jeden Fall vorraus. In meiner WG ist die Küche das Zentrum der Wohnung. Fernando, Arthur und ich haben die Vereinbarung getroffen, dass wir alles zusammen einkaufen, jeder zweimal die Woche kocht und auch sonst wird alles kommunistisch geteilt.  Bisher klappt das hervorragend und gerade labe ich mich am selbstgemachten  Hummus von Fernando. Ich bin mir nur nicht sicher, ob laben ein real existierendes Verb ist, aber es passt an dieser Stelle einfach vom Sprachgefühl. Inzwischen habe ich mich auch an die mexikanische Schärfe gewöhnt und der deutschen Küche trotz anfänglicher Skepsis zu neuen Anhängern in den Staaten verholfen. Zwar hat nicht alles geklappt, aber das Rissoto hat die verunglückten Reibeplätzchen vergessen gemacht.
Von der Wohnlage hier bin ich also vom Glück geküsst und das wiegt einiges auf. Das Studium selber spielt ohne Übertreibung in einer anderen Liga als in Deutschland. Dieses Semester mache ich vier Kurse: War, Gender & Genocide, Science Fiction Film: The City of the Future, Contemporary Britsih Literature und Intro to Grad Studies.  Dem, der sich jetzt wundert, was das alles mit einem M.A. in Englischer Literatur zu tun hat, kann ich auch keine klare Antwort geben. Ich war am Anfang auch verwirrt, aber solange sie auf Masterniveau angeboten werden und es eine Verbindung zur englischen Kultur gibt,  konnte ich frei unter dem gesamten Angebot der Uni wählen. Vielleicht mache ich nächste Semester ein Seminar in Psychologie oder Politik. Es macht auf jeden Fall tierischen Spaß in der Uni in kleinen Klassen über Futurama und Batman zu diskutieren. Über ersteres werde ich wahrscheinlich sogar eine Hausarbeit schreiben. Bisher bekomme ich das alles auch gut auf die Reihe, aber mal schauen wie das in ein paar Woche aussieht. Es waren das ja nur die ersten Wochen und die großen Abschlussarbeiten kommen noch auf mich zu. An Clark verfluche ich manchmal nur ganze Vernetzung auf dem Campus. Ich bin einfach viel zu oft online. Das geht fast soweit, dass die kurze Strecke meinem Haus und dem Unigelände genieße: Endlich frei von den Fesseln der ewigen Erreichbarkeit. Gerade bei schriftlichen Arbeiten machen mich mein niedriges Konzentrationslevel und der ständigen Versuchung des World Wide Webs fertig. In den Staaten gibt es keine Gema und das hat zu zahlreichen Neuentdeckungen im Hip Hop Bereich geführt. Deshalb an dieser Stelle:


Die 5 besten Hip Hop Dinger, die ich in letzen Zeit durch das allmächtige Internet gefunden habe:

Akua Naru - Walking the Block
Fiva & Das Phantom Orchester -  Die Stadt gehört mir
Blitz the Ambassador - Wahala
Lone Catalyst & Talib Kweli - Due Process
Blackstar  - Definiton

Honorable Mention:
*Eko Fresh  - Rap Tutorial 


Das letzte Lied von Blackstar ist nicht wirklich eine Neuentdeckung, aber ich werde wahrscheinlich noch im Altersheim das Album von Talib Kweli & Mos Def feiern. Die Liebe zu Hip Hop ist auch das einzige was mir aus meiner HipHop-Jugend geblieben ist. Die Silberketten, Baggies und Caps sind ja inzwischen aussortiert bzw. schamlos von meinem Bruder gestohlen: Du weißt hoffentlich wovon ich spreche. Aus diesen Gründen bin ich auf jeden Fall dazu übergegangen meine Arbeiten handschriftlich zu schreiben. Das ist auch überraschend erfolgreich. Es läuft besser und irgendwie kommen meine Gedanken besser aus dem Kopf in den Stift geflossen. 
Dank dieser Arbeitsweise musste ich aber meinen ersten Allnighter hingelegt. Als ich vor ein paar Tagen um Mitternacht mit der Vorschrift zu meiner ersten Hausarbeit fertig war, musste ich es dann immer noch in den PC eintippen  Wenn einem dann das typische Bibliotheksyndrom erfasst und man sich ewig mit einer Freundin unterhält, begrüßten einem beim letzen Wort die ersten Sonnenstrahlen. Den nächsten Tag war ich entsprechend gerädert, aber zum Glück hatte ich für meine Deutschklasse noch einen Notfallplan in der Hinterhand. Wie in Gettysburg unterrichte ich hier eine Kommunikationsklasse und da sie zurzeit das Imperfekt durchnehmen, mussten sie ein Märchen schreiben. Dafür musste jeder zu einem vorgegebenen Wort einen Satz schreiben, sein Blatt knicken und an seinen Nachbarn weiterreichen. Die nächste Person durfte dann den jeweiligen letzen Satz lesen, die Geschichte mit einem neue Wort fortsetzen und so weiter. An den Beispielen sieht man seht gut, dass ich mir zu spät einfiel,  dass man Magd nicht mit einem t am Ende schreibt  Die deutsche Sprache und ich werden wohl nie enge Freunde werden. Mit diesem Kniff, den Aufhänger erst am Ende zu erwähnen, beende ich auch diesen Eintrag. Morgen muss ich meine erste Hausarbeit abgeben und dabei habe mich selbst überrascht. Das erste Mal in meinem Leben bin ich eine Woche vor Abgabetermin fertig geworden und habe die Zeit, mir die Arbeit mit etwas Abstand nochmal durchzulesen. Zur Belohnung geht es dieses Wochenende mit meinen Mitbewohnern nach New York. Ein weiteres Wiedersehen mit alten Freunden stehen an.

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