Donnerstag, 17. Februar 2011

Die Leiden des jungen T. (Teil 1)

Erst einmal keine Sorge wegen dem Titel. Manchmal überkommt mich einfach der Drang meine fehlenden schriftstellerischen Fähigkeiten mit billigen Titeln zu kaschieren. Eine Vorgehensweise, die mich durchaus auf die Stufe der Bildzeitung hievt. Außerdem bin gerade tatsächlich dabei, mein kümmerliches Wissens über die deutsche Geschichte und Kultur, wieder etwas aufzufrischen und  zu verbreitern. Dazu aber später mehr. Im Moment sitze ich nämlich in einem Hort des Wissens und beflügelt durch diesen Geist ist es natürlich auch mein Anspruch in der Tradition von Walther von der Vogelweide, jeden Leser  die edlen Gedanken von Ehre, Besitz und der Gnade Gottes ein wenig näher zu bringen. Ein mutiges Anliegen, mit dem ja selbst ein Klinsmann bei Bayern München auf grandiose Weise gescheitert ist. Ich frage mich bis heute, was eigentlich mit den ganzen Buddhas auf dem Trainingsgelände passiert ist. 
Ob er sie alle mitnehmen durfte? Hoffentlich hat wenigstens Rensing einen zum Trost bekommen.

Aber weg von Fußballgeschichte und zurück zu meiner derzeitigen Situation. Bis auf Bob verliere ich sonst wahrscheinlich jeden Leser. Mit dem Hort des Wissens ist natürlich die Bibliothek gemeint. Dort sitze ich auch gerade und versuche begleitet von  den Strokes ein paar Zeilen aufs Papier zu bringen. Auf ihre Weise ist die Bibliothek eine der Hauptattraktionen auf dem Campus. Nicht unbedingt wegen der Lage, der Architektur oder der Auswahl der Büchern, sondern eher wegen den seltsamen Leuten, die dieses Gebäude Tag und Nacht bevölkern. Während der Wochen ist die Bibliothek nämlich vierundzwanzig Stunden geöffnet und selbst am Wochenende hat das College genug Geld, um einige Studenten zu bezahlen, bis tief in die Nacht am Eingang Wache zu halten.  Gerade am Ende des Semester baut sich deshalb eine fast greifbare Spannung im ganzen Gebäude auf. Ähnlich wie beim Skilanglauf oder beim Radsport beäugt jeder Student kritisch seinen Nachbarn und versucht so jeden Anschein von Schwäche gleich auszunutzen. Sehe ich dort vielleicht ein Räuspern, ein Zucken oder gar ein Gähnen am Nachbartisch? Geht mein Nachbarn tatsächlich jetzt schon schlafen? Oder ist es nur eine Täuschungsmanöver? Will er mich am Ende nur in Sicherheit wiegen? Dabei ist nicht wichtig, ob die Zeit in der Bibliothek bei facebook oder tatsächlich beim studieren verbracht wurde. Wichtig ist nur der stille Triumph. Ich habe es länger in der Bibliothek ausgehalten als mein Nachbarn. Folglich habe ich mehr gelernt, bin besser auf meine Kurse vorbereitet und werde so logischerweise auch besser bei den Midterms abschneiden. Q.E.D. Ich muss nur noch ein paar Stunden durchhalten. Nur noch zehn Folien. Dabei wird natürlich nicht auf Doping verzichtet, um seine eigenen Chancen zu verbessern. Zum einem sind da die legalen Hilfsmittel wie Kaffee oder Energy-Drinks, die wie ein Schutzwall den eigenen Arbeitsplatz säumen. Diese werden allerdings nicht in Deutschland üblichen Mengen getrunken, sondern gleich in Halbliterdosen. Wenn das dann irgendwann nicht mehr hilft, gibt es dann natürlich dann noch die halb legalen bis illegalen Hilfsmittel. Laut offiziellen Zahlen nehmen hier am Campus fast ein Drittel der Studenten ärztlich verschriebene Medikamente. Beim ersten Hören hat mich diese Zahl echt umgehauen. Im Prinzip muss man sich aber nicht wundern. Wir leben halt in einer Kultur wo Stören oft mit Unterforderung gleichgesetzt  und gegen Konzentrationsprobleme sofort Ritalin verschrieben wird. Damit meine ich nicht nur Amerika, sondern natürlich auch Deutschland. Kein Wunder, dass in Münster überall Nachhilfeunternehmen aus den Boden sprießen und jedes auffällige Kind gleich auf Intelligenz getestet wird. Frei nach dem Motto. Selbst Albert Einstein hatte eine vier in Mathe. Aus all diesen Gründen sind die so genannte Allnighters in Gettysburg auch eher eine Auszeichnung als das eigentlich berechtigte Prädikat für außerordentliche Dummheit. Deshalb weiß man sofort auch sofort, was los ist, wenn man morgens um neun Uhr in die Klasse kommt und einige Studenten sieht, wie sie mühsam ihre Köpfe erheben und dir mit rot geräderten Augen einen guten Morgen wünschen. Man hofft insgeheim, dass sie einfach nur feiern waren, aber oft wird selbst dieser zarte Hoffnungsschimmer von der Realität zermalmt. Nicht umsonst ist das Motto hier „Do Great Work“. Wenigstens in der Woche. Vielleicht lasse ich mir den Spruch auch zum Abschied neben den Bauchnabel tätowieren. Die andere Alternative wären die chinesischen Schriftzeichen für Pekingsuppe.  Gerade in New York wäre das unglaublich praktisch gewesen. In Chinatown haben sie nämlich nicht einmal eine englische Übersetzung auf der Speisekarte. Deshalb mussten wir praktisch auf gut Glück unsere Speisen auswählen.  Das war zwar nicht schlecht, aber mit dem Tattoo wäre ich wenigstens mit der Vorspeise auf der sicheren Seite gewesen. Ein weiterer Pluspunkt wäre, dass ich jedem eine andere Geschichte über das Tattoo erzählen könnte. Wer kann schon chinesisch? Je nach Situation könnte die Bedeutung zwischen beliebigen Namen, Frieden und ewiger Liebe variieren. Aber mal schauen, was ich machen. Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen nach einem Tattoo aufzuhören.

Aber zurück zu Bibliothek. Die ist im Moment fast Menschenleer.  Wir befinden uns nämlich erst in der fünften Semesterwoche. Das heißt das zurzeit nur die absoluten Nerds, verzweifelte Erstsemestler und ein paar ältere Jahrgänge ihre Zeit in der Bibliothek verbringen. Deshalb herrscht hier auch gerade eine angenehme Stimmung. Wahrscheinlich hängt diese Wahrnehmung aber größtenteils von der Musik ab, die ich gerade höre. Ich bin nämlich tatsächlich dazu übergegangen beim Arbeiten Klassische Musik zu hören. Soweit ist es schon mit mir gekommen. Gerade läuft „Orchestral Suite No. 3 In D Major“ vom London Philharmonic Orchestra & David Parry. Kein Plan was das bedeuten soll, aber als Hintergrundmusik eignet sich das Ganze hervorragend. So hänge ich wenigstens nicht die ganze Zeit bei youtube rum.  Neben den Studenten gibt es aber noch eine andere Attraktion in der Bibliothek: Die Filmsammlung.  Diese umfasst so ziemlich jede amerikanischen Spielfilm der jüngeren Vergangenheit,  alle Filmklassiker von Alfred Hitchcock bis Stanley Kubrick und eine kleine Auswahl von europäischen und asiatischen Filme.  Aus irgendeinem Grund gibt es auch alle Staffeln von Buffy, den ersten Ottofilm und sogar die deutschen Fernsehproduktion „Dresden“.

Ganz freiwillig bin ich aber nicht hier. In gewisser Weise wurde ich nämlich hinterhältig dazu gezwungen, meinen Abend in diesem Mekka von übermüdeten und gestressten Studenten zu verbringen. Eine Freundin, Iryna, hat mich heute beim Abendessen gebeten, ihr ein wenig bei einem Deutschaufsatz zu helfen.  Sie muss in ihrem Bachelorseminar eine Besprechung über den Film  „Der Untergang“ schreiben. Sie sah so müde und traurig aus. Manchmal reicht schon das. Deshalb werde ich alle paar Minuten kurz unterbrochen, um ihr mit einem Wort oder einem Ausdruck zu helfen.  Hier in der Bibliothek gehört sie ganz klar zum Lager der Nerds. Das weiß sie und in gewisser Weise ist sie auch stolz darauf. Eigentlich ist ja auch egal, wo ich diesen Eintrag schreibe. Nur leider darf man in einer Bibliothek keinen Wein trinken. Gleich muss ich auch noch ein paar Texte für ein Seminar lesen. Das Seminar handelt über den Islam und seine Rolle in der modernen Welt. Gerade durch die Revolutionen in Ägypten und Tunesien hat das Thema eine ganze neue Dimension bekommen. Aber auch ohne diese Ereignisse habe ich in dem Seminar mal wieder festgestellt mit wie viel gefährlichem Halbwissen ich bis jetzt durchs Leben gekommen bin. Selbst  Grundpfeiler, wie scheinbar klare Definitionen von Religion, der westlichen Welt oder des Nationalstaates, haben sich als falsch erwiesen oder sind zumindest ins Wanken geraten. Zum Beispiel trifft die westlichen Definition von Religion nicht oder nur teilweise auf den Islam zu. 
Bei anderen Sachen hingegen merkt man ganz schnell wie  die Darstellung des Islams in den Medien seine eigene Meinung unbewusst mehr geprägt hat, als man eigentlich zugeben will. Ganz besonders sieht man das in der Darstellung des Islams als gewalttätige Religion. Dieses Bild gibt es schon seit dem Mittelalter. Es widerspricht jedoch jeglichen Grundsätze des Korans. Dort ist ganz festgelegt, dass ein Jihad nur in der defensiven Form gerechtfertigt ist.  Die Verwendung des Begriffs Jihad selber ist auch problematisch. Grundsätzlich bezieht sich dieser Begriff hauptsächlich auf den inneren Kampf auf dem Weg zu Gott. Die Übersetzung von Jihad als ein Aufruf nach einem Heiligen Krieg gegen den Westen findet sich in keinen der heiligen Texten wieder und ist nur eine Auslegung von radikale Randgruppen des Islams. Diese bekommen natürlich sehr viel mehr mediale Aufmerksamkeit im Westen. Gerade wenn man sich das Alte Testament vor Augen führt, wo Gott scheinbar jede paar Jahre irgendeine Stadt platt macht, ist der Islam eine unglaublich friedliche Religion. Auch andere vermeintliche westliche Errungenschaften wie Religionsfreiheit, die gerechte Verteilung von Güter oder sogar den Rechten von Waisen und Frauen finden sich schon tausend Jahre früher im Koran wieder und zeigen wie Geschichte eben doch immer von den Gewinnern geschrieben wird.  Trotzdem werde ich aber nicht den Weg von Cassius Klay oder Cat Stevens folgen. Ich bin ja immerhin in Münster aufgewachsen und bin daher trotz offensichtlichem fehlendem Glauben vom Christentun geprägt und auch noch lose verbunden. Vielleicht wäre aber alles anders gekommen, wenn es ein paar lustigere Geschichten von Jesus in die Bibel geschafft hätten. Material dafür gab es nämlich genug. Es hat nur leider nicht in die Endfassung geschafft.  Deswegen an dieser Stelle eine kleine Anekdote über Jesus schwieriger Jugend aus dem dritten Jahrhundert. Sie hat eigentlich nichts mit diesen Eintrag zu tun, aber ich  erzähle sie trotzdem an dieser Stelle.  

Die Geschichte spielt um Jesus zehnten Geburtstag. Jesus hatte gerade gelernt, kleinere Tiere umzubringen und war auch sonst mächtig stolz auf seine Gaben. Im Gegensatz zu den anderen Kindern konnte er die Tiere nämlich danach wieder zum Leben erwecken, nur um sie  dann gleich weiter zu quälen. Eines Tages wollte er diese Gabe an einem Menschen ausprobieren. Leider ging das Ganze schief. Der Nachbarsjunge wollte einfach nicht mehr von den Toten aufwachen. Es ist halt noch kein Meister vom Himmel gefallen. Der Vater des ermordenden Kindes war natürlich mächtig sauer und wollte Wiedergutmachung von Jesus Vater. Damals galt ja noch. Zahn um Zahn. Augen um Augen. Dementsprechend bestätigt marschierte er zu Josef zur Rede und berichtete ihn von der grausamen Tat Jesu. Josef  hörte dem entzürnten Vater auch aufmerksam und bestätigte ihn in seinem Handeln.  Leider gäbe es aber ein Problem. „Er ist gar nicht mein Sohn.“

Diese Szene wurde auch in dem Buch „Bibel nach Biff“ aufgegriffen, ist aber ursprünglich über 1700 Jahre alt. Für so welche Geschichten ist es immer gut mit einem Religionsprofessor befreundet zu sein. Jetzt muss ich auch langsam mal Schluss machen. Ich habe nämlich nicht vor, einen Allnighter einzulegen und außerdem ist Iryna gerade mit ihrem Aufsatz fertig geworden.  Die ganzen Fotos haben übrigens nichts mit diesem Eintrag zu tun. Trotz meiner Abneigung gegen Fotos habe ich nur eingesehen, dass Fließtext langweilig ist. Außerdem bieten sie die perfekten Chancen euch meinen neuen  Kurzhaarschnitt zu präsentieren. Die Fotos selber sind von einer Geburtstagsfeier letzte Woche im Blue Parrot. Wie ihr seht ist Schwarz das neue Schwarz und auch sonst war das Ganze eine lustige Veranstaltung. Eine Sache vielleicht noch.  Nachdem mir jetzt auch noch Marian bestätigt hat, dass „Scott Pilgrim vs. The World“ absolut grandios ist, bin ich zur Überzeugung gekommen, dass ich den Film nochmal sehen muss. Ehrlich gesagt hab ich ihn damals mit einer Freundin angeschaut und vielleicht hat sich ihre negative Meinung etwas auf mich abgefärbt. Wenn ein Priester den Weltuntergang predigt, hat er wahrscheinlich auch nur etwas schlechtes gegessen. In diesem Sinne schließe ich den heutigen Eintrag mit einem Zitat von Lew Ashby:

„Life is too fuckin' boring not to try.“

5 Kommentare:

  1. Pah mich wirst du auch nicht so schnell los! Ich musste aber immer wieder schmunzeln als ich die Party Fotos etwas unpassend zur überschrift "Die Leiden des..." sah, ganz so schlimm scheint das leiden also nicht gewesen zu sein :P
    Ich bin übrigens gegen das Chinesische Tatoo, gerade weil du nichtmal selbst weißt was da steht finde ich sowas immer etwas stumpf.
    Mein Wissen überden Islam ist jetzt auch nicht riesig aber das da gerne male twas übertrieben wird war mir schon bewust. Immerhin gab es nach dem 1. Kreuzzug unter Saladin ein recht friedliches zusammenleben von Christen und Muslimen. Auch die Anfänge der modernen Medizin und Mathematik kommen ja aus der Arabischen Welt. (HA da sieht man mal wieder wofür Wissen aus Age Of Empires 2 gut ist). Nja ich mach mal Schluss gleich steht noch ein Zahnarztbesuch an.
    mfg Jens

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  2. Das mit den Tattoos war nicht ganz ernst gemeint ;)

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  3. Moinsen Tobi!
    Ausnahmsweise mal ein schöner Eintrag den ich sogar fast ganz gelesen habe ;-)
    Besonders deine Beschreibung der Bibliotheksmitbewohner hat mir gut gefallen.
    Du hast allerdings die Fraktion der "Oh mein Gott ich muss morgen früh um 8 ne Hausarbeit abgeben" vergessen. Dazu zähl ich mich nämlich auch ganz gern und mir fehlte der Wiedererkennungswert^^
    Boar und ich bin so neidisch auf deine amerikanische Energy Drink auswahl! Wobei ich dir sagen muss, dass ich hier auch schon die ein oder andere halb liter Dose gesehen und getrunken habe ;-)
    Und wie kommst du eigentlich dazu dein Wissen über jegliche Weltreligion zu vermehren?? Studierst wohl nebenbei noch Wikipedia oder?
    Nächste mal möchte ich bitte was lernen über den aggresiven und gewaltverherrlichenden Buddhismus. Wenn es den sowas gibt.
    Liebe Grüße,
    Fabi!
    P.s. Du verpasst übrigens Zibomo.... arrgh
    Und schreib mal was über den Super-Bowl!
    Hoffentlich hast du den im Parrot oder so gesehen^^

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  4. Außerdem 127h gucken! Sehr geiler Film!
    Du als alter gletterer muss denn ja jetzt gesehen haben ;))
    fabi

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  5. Scott Pilgrim = großartig!
    Dein Blog = immer noch sehr lesenswert.
    Grüße, Birte

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